Reisen in Deutschland

June 30, 2017

(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)


Soeben zurück von einer Reise durch ganz Deutschland - von Basel nach Eckernförde, von Saarbrücken nach Stettin, mit anschliessenden Grenzgebieten in Frankreich, Dänemark und Polen - pflücke ich einige Gedankenimpressionen und binde sie willkürlich zu einem Sommerstrauss, der Disteln und Rosen vereinigt.


Ich war sechsundzwanzig Tage unterwegs und ruhte fünfundzwanzig Nächte an den folgenden Orten: Namborn (Saarland), am Möhnesee (bei Soest), am Wasserbaum in Ockensen, in Seevetal, Hasselberg an der Ostsee, DK-Vejle, Prerow auf Zingst, in Storkow (deutsch-polnische Grenze), Himmelpfort (Uckermark), Wiederstedt (Sachsen-Anhalt), Bad Kösen, Weimar, auf dem Kickelhahn (Ilmenau), in Plottenstein (fränkische Schweiz), Schwäbisch-Hall und Baden-Baden.
Durch den Besuch ihnen gewidmeter Museen erwies ich den folgenden Menschengeistern meine Referenz: Nikolaus von Kues in seinem Geburtsort Bernkastel-Kues, Novalis in dem seinen in Oberwiederstedt, Goethe in Weimar und auf dem Kickelhahn, Kaspar Hauser in Ansbach. - Mit Frau Thun im Novalis Schlösschen führte ich ein schönes Gespräch und übergab ihr eine Nachricht für Frau Prof. Dr. Gabriele Rommel, der Kuratorin der Novalis-Stiftung. - Der ehrenamtliche Kustodes im Familiensitz des Nikolaus von Kues fand mein verlorenes Portemonnaie und konnte mir danach eine durch die Kues-Gesellschaft hergestellte Übersetzung eines Briefes über Gotteskindschaft verkaufen, die mich tief bewegte, da ich zeitgleich mit der schriftlichen Formung verwandter Gedanken auf zeitgenössischem, Kues fremdem Gebiet beschäftigt war, dabei "die Einschränkungen von Zeit und Ort aufhebend.."

 

 

Nikolaus von Kues. Ausschnitt aus einem Gemälde des Kues-Museums.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

«Hebe deshalb, Bruder, die quantitativen Einschränkungenn der sinnlichen Spiegel auf, indem du dein Verstehen von Zeit und Ort und allem Sinnlichen löst, dadurch dass du dich zu den Klarheiten der Spiegel im Denken erhebst, wo unser Geist in klarem Denken die Wahrheit schaut - wir erforschen nämlich die Dunkelheiten der Zweifel in der Klarheit des denkenden Spiegels und wissen, dass das wahr ist, was das Denken uns zeigt ... Die Kindschaft Gottes ist nichts anderes als jene Übertragung aus den schattenhaften Spuren der Bilder zur Einung mit dem unendlichen Denken, in dem und durch das der Geist lebt und erkennt, dass er lebt...Durch eine derartige bildliche Ähnlichkeit werden wir, die wir nach der Gotteskindschaft streben, ermahnt, nicht den Sinnendingen anzuhängen, die nur gleichnishafte Zeichen des Wahren sind, sondern sie unserer Schwachheit wegen, ohne dass wir beschmutzt werden, so zu gebrauchen, als ob durch sie der Meister der Wahrheit spreche und sie Bücher seien, die den Abdruck seines Geistes enthielte ... Halte aber diese Worte nicht für genau, weil das Unsagbare mit Worten nicht erreicht wird. Infolgedessen musst du dich notwendigerweise in tiefer Meditation über alle Gegensätzlichkeiten, Gestalten, Räume, Zeiten, Vorstellungsbilder, Einschränkungen, über Andersheiten, Verbindungen, Trennungen, Bejahungen und Verneinungen erheben, wenn du, ein Kind des Lebens, durch das Übersteigen aller Verhältnisse, Bezüglichkeiten und Schlussfolgerungen zum reinen intellektualen Leben und in das geistige Leben selbst verwandelt werden wirst.» (Aus Nikolaus von Kues' Brief über "Gotteskindschaft". Übersetzung: Harald Schwaetzer)


In jenen Tagen mühte ich mich um den Text Rudolf Steiner über das Kino (der hoffentlich bald veröffentlicht werden kann), wobei die Frage zu beantworten war, in wieweit sich die Spiegelbilder vom urbildlich Sich-Spiegelnden aufrüherisch trennen und verselbständigen können und wie weit es der imaginativen menschlichen Produktivität möglich bleibt, die damit aufgerissene Kluft ästhetisch zu überwölben und den Suggestionen der ins Unwirkliche führenden Spiegelbilder zu wehren.
 

Goethes Weimar atmet noch immer die italienisch-klassische Luft, die er aus seinen Reisen ins Land, wo die Zitronen blühn nach Hause gebracht hatte. Viele italienische Restaurants und italienische Touristen, die ganze Art und Weise des mit vielen Kindern zugebrachten Flanierens in den herrlich beschatteten Gassen und Strassen zeugen davon. Nur die Dimensionierung des Frühstücksangebotes ist untypisch. - Wenn Goethe in seiner Italien-Abrechnung auch die kleinste Ausgabe italienisch vermerkt (er hat sie vermutlich steuerlich absetzen können!) und ich seiner im Goethehaus ausgestellten Liste entnahm: Il caffé con il biscotto, 0.30 (das wäre heute der Espresso mit einem Cornetto oder Brioche), so bedurfte es eines besonderen Tischgebetes beim Anblick von le petit, des kleinsten im Angebot stehenden Frühstücks.

 

Bilder aus dem Ilmer Park und vom Geschehen um den Gänsebrunnen neben dem italienischen Restaurant *Giancarlo* an der Schillerstrasse