Reisen in Deutschland

June 30, 2017

(Alle Fotos © Reiseberichterstatter)


Soeben zurück von einer Reise durch ganz Deutschland - von Basel nach Eckernförde, von Saarbrücken nach Stettin, mit anschliessenden Grenzgebieten in Frankreich, Dänemark und Polen - pflücke ich einige Gedankenimpressionen und binde sie willkürlich zu einem Sommerstrauss, der Disteln und Rosen vereinigt.


Ich war sechsundzwanzig Tage unterwegs und ruhte fünfundzwanzig Nächte an den folgenden Orten: Namborn (Saarland), am Möhnesee (bei Soest), am Wasserbaum in Ockensen, in Seevetal, Hasselberg an der Ostsee, DK-Vejle, Prerow auf Zingst, in Storkow (deutsch-polnische Grenze), Himmelpfort (Uckermark), Wiederstedt (Sachsen-Anhalt), Bad Kösen, Weimar, auf dem Kickelhahn (Ilmenau), in Plottenstein (fränkische Schweiz), Schwäbisch-Hall und Baden-Baden.
Durch den Besuch ihnen gewidmeter Museen erwies ich den folgenden Menschengeistern meine Referenz: Nikolaus von Kues in seinem Geburtsort Bernkastel-Kues, Novalis in dem seinen in Oberwiederstedt, Goethe in Weimar und auf dem Kickelhahn, Kaspar Hauser in Ansbach. - Mit Frau Thun im Novalis Schlösschen führte ich ein schönes Gespräch und übergab ihr eine Nachricht für Frau Prof. Dr. Gabriele Rommel, der Kuratorin der Novalis-Stiftung. - Der ehrenamtliche Kustodes im Familiensitz des Nikolaus von Kues fand mein verlorenes Portemonnaie und konnte mir danach eine durch die Kues-Gesellschaft hergestellte Übersetzung eines Briefes über Gotteskindschaft verkaufen, die mich tief bewegte, da ich zeitgleich mit der schriftlichen Formung verwandter Gedanken auf zeitgenössischem, Kues fremdem Gebiet beschäftigt war, dabei "die Einschränkungen von Zeit und Ort aufhebend.."

 

 

Nikolaus von Kues. Ausschnitt aus einem Gemälde des Kues-Museums.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

«Hebe deshalb, Bruder, die quantitativen Einschränkungenn der sinnlichen Spiegel auf, indem du dein Verstehen von Zeit und Ort und allem Sinnlichen löst, dadurch dass du dich zu den Klarheiten der Spiegel im Denken erhebst, wo unser Geist in klarem Denken die Wahrheit schaut - wir erforschen nämlich die Dunkelheiten der Zweifel in der Klarheit des denkenden Spiegels und wissen, dass das wahr ist, was das Denken uns zeigt ... Die Kindschaft Gottes ist nichts anderes als jene Übertragung aus den schattenhaften Spuren der Bilder zur Einung mit dem unendlichen Denken, in dem und durch das der Geist lebt und erkennt, dass er lebt...Durch eine derartige bildliche Ähnlichkeit werden wir, die wir nach der Gotteskindschaft streben, ermahnt, nicht den Sinnendingen anzuhängen, die nur gleichnishafte Zeichen des Wahren sind, sondern sie unserer Schwachheit wegen, ohne dass wir beschmutzt werden, so zu gebrauchen, als ob durch sie der Meister der Wahrheit spreche und sie Bücher seien, die den Abdruck seines Geistes enthielte ... Halte aber diese Worte nicht für genau, weil das Unsagbare mit Worten nicht erreicht wird. Infolgedessen musst du dich notwendigerweise in tiefer Meditation über alle Gegensätzlichkeiten, Gestalten, Räume, Zeiten, Vorstellungsbilder, Einschränkungen, über Andersheiten, Verbindungen, Trennungen, Bejahungen und Verneinungen erheben, wenn du, ein Kind des Lebens, durch das Übersteigen aller Verhältnisse, Bezüglichkeiten und Schlussfolgerungen zum reinen intellektualen Leben und in das geistige Leben selbst verwandelt werden wirst.» (Aus Nikolaus von Kues' Brief über "Gotteskindschaft". Übersetzung: Harald Schwaetzer)


In jenen Tagen mühte ich mich um den Text Rudolf Steiner über das Kino (der hoffentlich bald veröffentlicht werden kann), wobei die Frage zu beantworten war, in wieweit sich die Spiegelbilder vom urbildlich Sich-Spiegelnden aufrüherisch trennen und verselbständigen können und wie weit es der imaginativen menschlichen Produktivität möglich bleibt, die damit aufgerissene Kluft ästhetisch zu überwölben und den Suggestionen der ins Unwirkliche führenden Spiegelbilder zu wehren.
 

Goethes Weimar atmet noch immer die italienisch-klassische Luft, die er aus seinen Reisen ins Land, wo die Zitronen blühn nach Hause gebracht hatte. Viele italienische Restaurants und italienische Touristen, die ganze Art und Weise des mit vielen Kindern zugebrachten Flanierens in den herrlich beschatteten Gassen und Strassen zeugen davon. Nur die Dimensionierung des Frühstücksangebotes ist untypisch. - Wenn Goethe in seiner Italien-Abrechnung auch die kleinste Ausgabe italienisch vermerkt (er hat sie vermutlich steuerlich absetzen können!) und ich seiner im Goethehaus ausgestellten Liste entnahm: Il caffé con il biscotto, 0.30 (das wäre heute der Espresso mit einem Cornetto oder Brioche), so bedurfte es eines besonderen Tischgebetes beim Anblick von le petit, des kleinsten im Angebot stehenden Frühstücks.

 

Bilder aus dem Ilmer Park und vom Geschehen um den Gänsebrunnen neben dem italienischen Restaurant *Giancarlo* an der Schillerstrasse

 

 

 

 

Die Lebensfrische strömt durch den Ilmer Park, um Goethes Gartenhäuschen und um die vielen exotischen Riesenbäume, unter ihnen der von Goethe lyrisch verehrte Gingko-Baum, wobei die Lyrik an seine Freundin Marianne Willemer aus Frankfurt gerichtet war, die, wie Jahrzehnte nach Goethes Tod bekannt wurde, anonym zum west-östlichen Diwan beigetragen hatte.

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gingo Biloba «Dieses Baums Blatt, der von Osten - ​​Meinem Garten anvertraut, - Giebt geheimen Sinn zu kosten, - Wie’s den Wissenden erbaut, -- Ist es Ein lebendig Wesen, - Das sich in sich selbst getrennt? - Sind es zwei, die sich erlesen, - Daß man sie als Eines kennt? -- Solche Frage zu erwidern, - Fand ich wohl den rechten Sinn, - Fühlst du nicht an meinen Liedern, - Daß ich Eins und doppelt bin?»

 

Die Liebe und Italien, Goethe und die Herzogin Anna Amalia, verschleiern und offenbaren, das Seelenliebesspiel, die Dankbarkeit und die Treue zwischen der Herzogin und ihrem unstandesgemässen Liebhaber, für den sie zum Schutzengel seines Lebens wurde, - ist es erstaunlich, dass diese Beziehung durch einen Italiener erstmals vertieft wurde? - Kaum, denn allzu viel deutscher Forscherfleiss war ins Thema Goethe und die Liebe geflossen, ohne dabei den Zentralstern zu berühren. Die Historiker und Germanisten der Weimarer Klassik-Stiftung fühlten sich zu deutlichem Widerspruch veranlasst, als Ettore Ghibellino 2013 sein Werk Goethe und Anna Amalia - eine verbotene Liebe veröffentlichte. Inzwischen findet es sich in den Weimarer Buchhandlungen zwar aufgelegt, hat es jedoch noch nicht ins Deutsche Nationalmuseum geschafft, wie das Goethe-Haus am Frauenplan heisst, seit 1999 Weimar vom Europäischen Parlament zur Kulturhauptstadt erkoren wurde. - Das Archiv des Hauses Braunschweig, wozu die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach gehörte, das darüber deutlicher Auskunft geben könnte, blieb bis anhin unzugänglich. - Weshalb brach Goethe unangekündigt zur ersten langen Italienreise auf? Weil sich sein Verhältnis zur verheirateten Hofdame Charlotte von Stein nicht in seinem Sinne bewegen liess? - Weil sein Verhältnis zur Herrin Herzogin Amalia entdeckt zu werden drohte, wie Ghibellini behauptet ? - Welche Damen verbergen sich hinter den beiden Leonoren in seinem autobiographischen Schlüsseldrama um den Dichter Torquato Tasso ? Tasso liebt die eine, die ihm bescheidet Erlaubt ist, was sich ziemt, nachdem er zum Ergebnis gelangte: Erlaubt ist, was gefällt. - Die andere Leonore - beide sind fürstlichen Geblüts, die eine Herzogin, die andere Prinzessin - sucht Tasso der geliebten (Prinzessin) Leonore abspenstig zu machen. Tasso will am Ende nur weg, natürlich - nach Rom! Auf seiner Romreise hat Goethe am Tasso zu schreiben begonnen und obwohl das Stück spätestens 1790 fertig war, wurde es erst im Februar 1807, zwei Monate vor dem Tod der seit 1758 verwitweten Herzogin Anna Amalia in Weimar uraufgeführt.
„Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Contrast den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weitern Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara.“ – Goethe im Tischgespräch am 6. Mai 1829
     
Ich war zum ersten Mal 1974 in Weimar, doch besuchte ich das Goethehaus erst kurz nach der Wende, damals noch ohne den musealen Anhangsbau, Verkaufsstände und die Ohrknopf-Führer, welche nunmehr die unmittelbare Wirkung des Goetheschen Gesamtkunstwerks - sein Haus und seine Kunstsammlung -, bei den aneinander vorbei taumelnden Kulturtouristen wie unsereins arg beeinträchtigen. - Diesmal war die Anzahl der zur DDR-Zeit unsichtbaren, nunmehr aus dem Kunstschatz Goethes gehobenen Erotikas auffällig.

Erschöpft suchte ich wiederholt den gepflasterten Innenhof auf, in dem ich die Einbahnstrasse für die Stadtkalesche Goethes, bestens restauriert und gebrauchsfähig in der Remise parkiert, bewunderte.

         Zum rechten Tor hinein, zum linken hinaus - ein wahrer Luxus für

         das so fleissig benutzte geheimrätliche Transportwesen !
 
Am Ende durchs Hinterhaus in den Garten hinaus, wo mehrere Gärtnerinnen hunderte von Pflanzensetzlinge im Akkord aus Töpfen gerissen und in die Erde gestossen hatten.

 


Abschied von Weimar, jedoch noch nicht vom Geheimrat. Sein Arbeits- und sein Sterbezimmer:

 

In Weimar übernachteten wir auf dem Campus der Bauhaus-Universität, zwischen dem Gropius-Bau, wo Paul Klee sein Atelier hatte, und dem Van der Velde-Bau. Dieser Platz soll bis zum 100-jährigen Geburtstag der Uni im Jahr 2019 weitgehend umgebaut werden. Ich kam mit einigen der rund viertausend StudentInnen (in den Fächern Architektur, Bauingenieur, Design, Kunst allgemein) ins Gespräch. Sie waren aufgefordert worden, mit eigenen Ideen an der Neugstaltung zu partizipieren. Nun präsentierten sie das Grab auf dem Campus, in dem, ihrer Darstellung zufolge, alle ihre hundert beigesteuerten Vorschläge von der Obrigkeit begraben liegen.

Abends trafen wir in der Szenekneipe Reserve-Bank auf Laura Safira Philipp, die nach sechs glücklichen Jahren am Bauhaus dort als Malerin ihre Abschlussarbeit präsentierte. Sie hatte Erfahrungen im Schulwesen bereits gesammelt und sah die Notwendigkeit vor sich, Deutschland zu verlassen, wenn in Zukunft eigene Kinder "schulreif" würden. Wir freundeten uns an und sie zeigte sich für stärkenden Zuspruch dankbar.

                   Aus Lauras Ausstellung in der "Reserve-Bank"

 

Einige weitere Arbeiten. Zuerst das Selbstbildnis der beherzt schaffensfrohen Frau, deren Mutter auf der Insel Lesbos aufgewachsen ist.  

In DK-Vejle besuchten wir den Kunstlehrer, Maler und Gartenbauer Lars Legind, seit Jahrzehnten Freund des Seminars, von dem einige Illustrationen zu Büchern von Herbert Witzenmann stammen. Ein bedeutungsvolles Wiedertreffen nach vielen Jahren!

Nach Weimar zog es uns in das alte Bergbaugebiet von Ilmenau, das mit Goethe in seiner Funktion als Leiter des damaligen Silber- und Kupferabbaus und vor allem durch seine lyrisch produktiven Aufenthalte auf dem Kickelhahn, der höchsten Erhebung des damaligen Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, eine besondere Verbindung aufweist. - Wer kennt nicht sein berühmtestes Gedicht, ein westliches Haiku, das er am 6. Sept. 1780, das heisst in seinem einunddreissigsten Lebensjahr auf die Wand des dortigen Jagdhauses geschrieben hatte (heute von einer Glasplatte geschützt).

 

 

Ein Jahr vor seinem Tod hat er den Kickelhahn (meint den Auerhahn, der dort gejagt wurde) ein letztes Mal besucht und dabei kleine Ausbesserungen und Korrekturen an seinem Gedicht vornehmen lassen:


Über allen Gipfeln - Ist Ruh', - In allen Wipfeln - Spürest Du - Kaum einen Hauch; - Die Vögelein schweigen im Walde. - Warte nur! Balde - Ruhest du auch.


Des Gedichts offenbares Geheimnis - um den Lieblingsausdruck Goethes zu verwenden - liegt in dem sinnstiftenden Gegenstrom des räumlichen Abstiegs (von den vertikalen Gipfeln zur horizontal lagernden Erde) mit dem Bewusstseinsaufstieg innerhalb der Naturreiche (von den Berggipfeln zum menschlichen Geist). Meist wird es mit Wandrers Nachtlied diffus betitelt. Goethe hat es unter das früher entstandene Nachtlied später auf dieselbe Seite drucken lassen und es mit Ein Gleiches überschrieben. - Die beiden Gedichte bilden damit einen wundersamen Zweiklang. Wandrers Nachtlied:


Der du von dem Himmel bist, - Alles Leid und Schmerzen stillest, - Den, der doppelt elend ist, - Doppelt mit Erquickung füllest; - Ach, ich bin des Treibens müde! - Was soll all der Schmerz und Lust? - Süßer Friede, - Komm, ach komm in meine Brust!


Goethe hat auf dem Kickelhahn auch den sogenannten Hermannstein bestiegen, von dessen Porphyrsockel man den Rundblick geniesst, den heute die Touristen auf dem 1855 erbauten Turm suchen.

 
Wenn man um ihn herumwandert, entdeckt man an seiner Basis eine Höhle. Auch sie war Schauplatz eines amourösen Aufenthalts des Dichterfürsten, über dessen Partnerin (Charlotte oder Anna Amalia, siehe (1) er den kunstvollen Schleier der andeutenden Gestaltung geworfen hat. Das Romantisieren des eigenen Lebenslaufes, von einem Liebesknoten zum anderen auf- und absteigend, bezeugt die fortschreitende Bemühung eines Menschen, der von seinem Persönlich-Allzupersönlichen loszukommen trachtet. Als ich die beiden links und rechts vom Höhleneingang angebrachten Tafeln mit den Goethe-Zeilen las, konnte ich nicht anders als in Lachen über Goethes preziose Liebesgaunerei auszubrechen.

Felsen sollten nicht Felsen, und Wüsten Wüsten nicht bleiben. - D'rum stieg Amor herab, sieh ! und es lebte die Welt. - Auch belegte er mir die Höhle mit himmlischem Lichte - Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt!

 

Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge - Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz. - Ich vertraue es dem Felsen, damit der Einsame rathe - Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt.


Mit dem Wirt der Gaststätte Kickelhahn waren wir bis nach Mitternacht zusammen. Er hat uns angehalten, bis ganz hinauf auf den Gipfel zu fahren, wo wir dann auch übernachteten. Um 18.30 Uhr trafen wir ihn, der noch auf eine ausstehende Bierlieferung wartete, allein vor seiner Hütte an, die er um 18 Uhr geschlossen hatte. - In den Kommentaren zu seiner Gaststätte las ich unter anderem: diesmal bloß 1 x ham' mer nich mehr und unfreundlich wie immer. - Nachdem er uns einen Einblick in sein Leben gestattet hat, fällt das unfreundlich wie immer auf den unfreundlich am Äusseren haftend bleibenden Konsumenten zurück.


Später des Abends traf bei ihm eine ausserordentliche Kumpanei aus Ilmenau ein, über deren erstaunliche Gepflogenheiten ich das Schweigen breite. Ein sehr informativer Abend und ein angeregtes Gespräch in einer Männerrunde, die über ein erheblich zutreffenderes Bild der Weltpolitik verfügte, als ich dies aus vergleichbaren Männerrunden in Westdeutschland kenne. Weshalb sie sich geradezu geheimbündlerisch hinter die innerthüringische Frontlinie beispielsweise des lokalen Schützenvereins zurückgezogen haben. Auch wir wurden dorthin aus Anlass der Sonnwendfeier am kommenden Abend eingeladen. Einer drückte es so aus, dass sie sich mit der Tatsache zurecht finden müssten, dass sie in den letzten Jahrzehnten zweimal besiegt worden seien: zuerst von den Russen, daraufhin von den Amerikanern. - Sie erzählten von der Atombombenforschung, wie sie in den letzten Jahren des Weltkrieges in den von KZ-Häftlingen aus Buchenwald (Weimar) im Jonastal an der Nordseite des Kickelhahns errichteten Bergstollen betrieben worden sei. Von Verrat und Verkauf von Mikrofilmen noch vor Kriegsende an die Amerikaner war die Rede, von vergeblichen Versuchen, noch zu DDR-Zeit den Dingen auf den Grund zu gehen. Und von immer wieder erfolgenden Rückschlägen, was ihre Aufklärung betraf. Sie waren davon überzeugt, dass damals mindestens eine deutsche Atombombe testmässig "erfolgreich" gezündet worden sei. - Nach Hause zurück gekehrt, lese ich in einem Artikel, dass nach der Wende sich einige Thüringer Heimatforscher des Themas wieder angenommen hätten und auf Abschriften von Zeugenaussagen gestossen seien, die in den sechziger Jahren von der Stasi gesammelt worden waren. Cläre Werner, Leiterin des Museums auf der Wachsenburg, die nur wenige Kilometer nordöstlich vom Truppenübungsplatz Ohrdruf (im Jonastal, Anm.) entfernt liegt, hatte im Mai 1962 vor der SED-Kreisleitung von Arnstadt (Nachbarstadt von Ilmenau, Anm.) die folgende Aussage gemacht:


»Es war der 4. März 1945. Ich kann mich noch gut an diesen Tag erinnern. Für den Tag hatten wir eine Geburtstagsfeier für den Abend, diese wurde aber kurzfristig abgesagt. Am Nachmittag war der BDM von Gotha auf der Burg. Der Ingenieur Hans Rittermann war auch da und half uns noch, dann sagte er uns, daß heute auf dem Truppen-Übungsplatz Weltgeschichte geschrieben wird. Es wird etwas gemacht, was es auf der Welt noch nicht gegeben hat. Wir sollen am Abend auf den Turm gehen und in Richtung Röhrensee schauen. Er wisse auch nicht, wie das neue Ding aussehen wird. So waren wir ab 20 Uhr auf dem Turm. Nach 21 Uhr, gegen halb zehn, war hinter Röhrensee mit einmal eine Helligkeit wie Hunderte von Blitzen, innen war es rot und außen war es gelb, man hätte die Zeitung lesen können. Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, daß es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlburg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren.«


Nun, Anfang April 1945 machte die 3. US-Armee unter General Patton einen blitzartigen Vorstoß nach Thüringen ins Jonastal und auf den Truppenübungsplatz Ohrdruf. Die Zugänge zum Jonastal wurden von der 6. SS-Gebirgsdivision mit großer Hartnäckigkeit verteidigt. Kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner wurden nach Berichten von Zeitzeugen die Zugänge zu den wichtigsten Teilen der unterirdischen Anlagen gesprengt, getarnt und mit Sprengfallen gesichert. Was die US-Truppen in den zugänglich gebliebenen Teilen gefunden haben, darüber geben die amerikanischen staatlichen Stellen bis heute keine Auskunft. In den Kriegstagebüchern der beteiligten US-Divisionen fehlen die Eintragungen für die betreffenden Tage. Nur einzelne US-Veteranen berichteten Jahre später, seinerzeit eine riesige unterirdische Kraftwerksanlage und eine hochmoderne Nachrichtenzentrale gesehen zu haben.
 

In Rainer Karlsch's Hitlers Bombe, DVA, 2005, werden mehrere glaubwürdige Quellen, so der damalige Chef des Russischen Geheimdienstes Iwan Iljitschow, zitiert, welche die Bemerkungen unserer Heimatforscher bestätigen. Ihnen zufolge wurden Ende 1944 und Anfang 1945 mindestens zwei deutsche Atombomben getestet. - Im dem im Jahr 2016 veröffentlichten Buch von Edgar Mayer, Thomas Wehner Und sie hatten sie doch! - Spektakuläre neue Indizien bestätigen: Hitler verfügte über die Atombombe wird sogar die Anschauung vertreten, dass die Bombe, welche Hiroshima zerstörte, eine der im Jonastal entwendeten Bomben gewesen sei. Hier der Buchhinweis

 Abendstimmung auf dem Kickelhahn

 

Das Leben früherer Generationen war auf der gesamten Reise in den Bauwerken und den Landschaftsgestaltungen, die sie hinterlassen haben, überall anwesend. Geschichte, die von Schutz und Wehr, das heisst von Kampf und Zwist kündet, lag im Raum um uns ausgebreitet und unsere Zeitgenossen fügen gewaltige Neueingriffe hinzu. - Beispiel Windkraftanlagen: rund 25 Tausend ragen in Deutschland bereits in Äolus' Räume und machen dem Vogelwesen das strömende Blasen und Wirbeln der Windströmungen streitig. Die in ihren gekühlten Fahrzeugen auf dem sechsspurigen Betonband vorbeisausenden Menschen sind dankbar, die Gefahr der atomaren Strahlung durch sie vorerst gebannt zu sehen. Da nehmen sie auch den kleinen Nachteil in Kauf, ihr Gefühl (zumindest im Norden) kaum irgendwo mehr über den Horizont ins unbestimmt träumende Sinnen schweifen lassen zu können. Denn jener ist überall von den kreisenden Riesen umstellt und vergittert. Neben den Autobahnen blitzen die Elektrovoltaik-Felder, welche einen Teil der Sonnenstrahlen ansaugen und in Elektrizität umwandeln. -

 

Um Heilbronn: ein durchs Grün ziehender Wall, der vor zwei Jahrtausenden von den Römern gegen die Barbaren errichtet und nun als Limes von einer überstaatlichen Organisation zum Weltkulturerbe erklärt und den Fahrzeuginsassen ins Bewusstsein gerufen wird. Auch Stücke innerdeutscher Grenzziehungen finden sich angekündigt (von der UNESCO als Zeugnisse von Weltkultur noch nicht anerkannt). Dann die mächtig auf den Höhen thronenden Burgen und Schlösser. Eine ganze Reihe von ihnen haben wir durchwandert und erstiegen. Ich greife drei völlig unterschiedliche Bauwerke heraus:

 

• Wir übernachteten an Coburgs Veste, einem gewaltigen Bauwerk, das von der Spätzeit des Mittelalters kündet, wo nicht mehr um Gottesurteile Tjosten geführt, sondern Neuland durch Eheverträge gewonnen wurden. (So war Albert von Sachsen-Coburg und Gotha im 19.Jdht. auch Prinzgemahl von Königin Victoria von England und Irland.) - Und auf der Veste wartete Luther auf den Ausgang der Augsburger Religionsverhandlungen. Nebenbei: überall feierten die Lutheraner den 500. Jahrestag ihres Helden auch in dem kleinsten Flecken, den wir betraten. Mit Fahnen und Orgelkonzerten, musealen Sonderausstellungen und auch Kindermusicals über Luthers Leben. (In Ansbach's St.Gumbertus miterelebt, als ein zehnjähriger Junge in das trutzige "Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!" ausbrach. Konfessionelle Indoktrination ist überall verstörend merkwürdig.) 

 

 

Des Abends vermischten sich in meinem Geist die Eindrücke um mich her zu einem eigenartigen Zwiegespräch der Jahrhunderte, das ich in ein Galgenlied verwandelte:

 

An Coburgs Veste / Ein Galgenlied / 21. Juni 2017

 

Im Gleichmass schnarren orangne Treter über gestampften Sand.

Der Jogger kreuzt surrende Biker im hohen Sattelstand.

„Wohin so eilig des Weges, Knappe Meinhard, im sturen Lauf? Gilt es Depesche zu tragen von heimtückscher Ränke, von verrätrischem Kauf?„

 

Das straff gezurrte Band am Arm piepst Pulsalarm.

„Besieg den stärksten Feind, dich selbst, auf öder Bahn!“

"Lass fahren das einsame Trotten, du scheinst mir ein leeres Gespenst!

Hinter Muskeln und Knoch verlorn in einzger Welt, die du kennst.

 

Tritt in die Reihen von Herzog Ernst mit forschem Mut!

Bekämpfe nicht Väterchen Tod mit ehrgeizgem Trug."

Der Läufer hörts, fällt, und krampft die Hand um sein Herz.

Der Sand färbt sich rot - war es dies, all sein Trutz und sein Schmerz ?

 

• Das alte Schloss in Baden-Baden, ursprünglich Schloss Hohenbaden, der Sitz der Markgrafen von Baden. Auch hier übernachteten wir an den Burgmauern und bestiegen in der Nacht die frei zugängliche Schlossburg, die in ihrer bedeutendsten Zeit rund hundert Zimmer besass. Überall Kamine und auf allen Etagen Ziehbrunnen und Schüttsteine an den ehemaligen Küchenwänden. Hier wehte uns das Hochmittelalter an. Die grosse Windharfe in einem der leeren Fenster wisperte von vergangener Pracht, von langen Zeiten glücklicher Jahre und vieler Feste. Um 1100 n. Chr. gebaut, erlebten die Gemäuer ihre grosse Zeit im 14.Jahrhundert.

 

Hohenbaden war auch das Stammschloss des 1249 geborenen Markgrafen Friedrich von Baden und Österreichs. Dieser wurde wie auch der letzte Hohenstaufer Konrad II (später seines frühen Todes wegen Konradin genannt) von Ludwig von Bayern, einem Verbündeten der Staufer, in Bayern erzogen, wo sich die beiden Jünglinge befreundeten. Konrad, Herzog von Schwaben und König von Jerusalem, sah sich, als Enkel des Kaisers Friedrich II überdies als König von Sizilien. Dies sah Papst Clemens IV ganz anders und belehnte Karl von Anjou, einen Bruder des französischen Königs, mit dem Königtum Sizilien. Nun zogen die beiden Jünglinge mit einem zusammengewürfelten Heer südwärts, um sich Sizilien zurück zu erobern. In Süditalien schlossen sich weitere, mit der Herrschaft Karls unzufriedene Adlige an. Die beiden unerfahrenen Freunde kämpften tapfer in der dritten Reihe in der Schlacht von Tagliacozzo (östlich von Rom). Obwohl zahlenmässig überlegen, gingen sie schlussendlich der Schlacht verlustig. Allzu gerissen war der in den Kreuzzügen gegen arabische Kämpfer erfahrene Karl von Anjou. Mit versteckten Heeresgruppen und Scheinfluchten riss sein Heer unter einheitlicher Führung den Sieg nach grossen Verlusten zuletzt an sich. Die beiden Jünglinge entkamen zunächst. Doch wurde ihr Aufenthalt verraten und daraufhin mit rund einem Dutzend anderer aus ihrem Gefolge auf dem Marktplatz von Neapel enthauptet. Und, da Konradin zuvor exkommunziert worden war, in ungeweihter Erde verscharrt. Friedrich war 18-, Konradin 16-jährig. Die ganze Welt verurteilte die auch für damalige Verhältnisse grausige Tat. Karl von Anjou konnte sich nur kurz seines sizilianischen Königtums erfreuen. Der grosse Unmut der sizilianischen Bevölkerung und ihre Unterstützung durch den stauferisch Erbberechtigten, König Peter III von Aragon, vertrieb die Franzosen endgültig aus Sizilien.

Konradin von Schwaben und Friedrich von Baden vernehmen ihr Todesurteil, Wilhelm Tischbein, 1784

 Konradins Grabmal von Bertel Thorvaldsen (1847) in Santa Maria del Carmine, Neapel

 

Die Rudelsburg bei Bad Kösen. Bad Kösen gehörte zu den Salzbergwerken, für die Novalis als Salinenassessor zuständig war. Sein grosses Gradierwerk, in dem der Salzsole zu einem höheren Salzgehalt verholfen wurde, steht mit 384 Meter Länge funktionsfähig vor dem ehemaligen, zur Lebenszeit Novalis' erbauten Salzbergwerk, heute ein technisches Museum.

Von hier wanderten wir zur Rudelsburg hoch, die auf einem Muschelkalkplateau über der Saale steht. Die Rudelsburg war neben Heidelberg der bedeutendste Versammlungsort der universitären Studentenverbindungen und das Rudelsburger SC-Corps der tatkräftige Organisator und Gastgeber, bis das Verbindungswesen wegen seiner kaiserlichen Rückbindungen von den Nationalsozialisten verboten worden war. 1926 war mit grossem Aufwand das Löwendenkmal enthüllt worden, ein Bekenntnis der Studenten zum kaiserlichen System.

Auch zu DDR-Zeiten waren die Studentenverbindungen verboten, um nach der Wende ihr Wiedererwachen zu erleben. Heute ist die Rudelsburg wieder Treffpunkt vieler universitärer (nicht naturwissenschaftlicher) Verbindungen aus ganz Deutschland. - Im Innenhof unter schattigen Bäumen wurde die alte Burschenseligkeit handgreiflich, auch wenn das Restaurant bereits den Betrieb eingestellt hatte.

 

 Die sogenannte "Fuchsentaufe" aus dem Jahr 1885


Nun zu einigen Kursiositäten und anderen Annehmlichkeiten, die mir auf meiner Reise begegneten. Da wäre zuerst der Wasserbaum bei Ockensen zu nennen, an dem wir übernachteten. Wenn Ockensen in Indien wäre, so hätten wir es mit einem primitiven Shiva Lingam-Heiligtum zu tun. Da dem nicht so ist, darf ich die Enthüllung von Ursprung und Zweck des Wasserbaums getrost dem Wissenstrieb des geneigten Berichtadressaten überlassen, von dem ich ohnehin nicht weiss, was ich ihm erzählen kann.
 

 
Dann war da noch das paradiesische Himmelpfort der Uckermark, der kleine Ort eines alten Zisterzienserklosters, in dem wir jemanden anzutreffen hofften, der des morgens in die Ägais verreist war und uns seinen versteckten Badestrand an einem der drei an Himmelpforts Grenzen andockenden Seen überlassen hatte. Wo sonst in der Uckermark Fischer ihre Fische gegen schwimmende Säugetiere mit undurchdringlichen Schilfgürteln verteidigen, war hier ein verlockend sandig sanft abfallender Einstieg durch die randständige Pflanzenwelt gehauen worden.
 

 
Doch das war nicht das Kurioseste, sondern die uns trotz verfehlter Jahreszeit auffordernd in Betracht ziehenden Weihnachtsmänner, die sich in Himmelpfort aufgepflanzt haben.
 

 


Erhebliche Begriffsstutzigkeit hinderte eine rasche Auflösung des Rätsels. Zu DDR-Zeiten führten der Kinder Gläubigkeit an den Weihnachtsmann zu keinem Akteneintrag, sondern zu Bettelbriefen an den Weihnachtsmann in Himmelpfort, wo ein Pensionär das Dutzend eintreffender Anfragen beantwortete. - Nach der Wende erkannte die DHL-Post darin ein ökonomisch auswertbares sozialistisches Brauchtum, was selten genug vorkam, und richtete in Himmelpfort eine Weihnachtspost ein, worin der Weihnachtsmann alljährlich auf seinem Thron zu besichtigen ist und seine Helfer in der angrenzenden Schreibstube die eintreffenden Kinderbriefe abarbeiten (in den letzten Jahren jeweils rund dreihundert Tausend an der Zahl).

 

 

Einen eigentümlich zwiespältigen Eindruck machte auf mich die polnische Stadt Stettin an der deutschen Grenze. Nachdem ich einige Gespräche und Begegnungen mit grinsenden Polizisten, liebenswert hilfswilligen Alkoholikern, aufmerksamsten Kellnerinnen und müden Arbeitern geführt hatte, war es mir dann doch lieber, die offen unbestimmte, überall im Umbau begriffene Stadt zu verlassen. Ein Gemisch vormaliger wirtschaftlicher Bedeutung mit weiten Rundsichten auf die leeren Hafenanlagen, unbeholfene architektonische Neupositionierungen wie die neue Tonhalle, Zuckerbäckerverzierungen über martialischen Baukörpern und ein katastrophaler Zustand von Strassen und das Fehlen dessen, was sie gewöhnlich ziert (Wegweiser, Richtungpfeile, Kreuzungshilfen und Bodenmarkierungen), zogen eine sehr lange Suche nach dem Ausweg der Stadt nach sich. Polnische Strassenkarten waren auch in den grossen Tankstellen, welche sehr wohl deutsche, spanische und englische verkauften, nicht aufzutreiben (wir hatten ursprünglich vor, die polnische Küste zu befahren). Polizisten weigerten sich, deutsch zu verstehen, als wir sie nach dem Weg nach Berlin fragten, waren dann aber auch in englisch um eine Auskunft verlegen oder unwillig. Eine angeheiterte Frauengruppe, die wir um halbzwei Uhr nachts noch antrafen, kicherten, als hätten wir sie nach dem Weg zum Sirius gefragt. Niemand übernahm die Verantwortung nach einem zweckdienlichen Hinweis. Als wir in immer grösser werdenden Spiralen uns rund zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum entfernt hatten, - das erste auf D hinweisende Schild! Kurz vor der Autobahnauffahrt vor der Grenze, als jeder Autofahrer ohnehin das Ziel vor sich hatte. Im Zentrum hatten wir nicht nur keinen Hinweis auf Berlin, sondern überhaupt keine Strassenschilder entdecken können. - Ich werde diesen Ausflug in das mit erheblichen Identifkationsunsicherheiten versehene polnische Grenzgebiet (vermutlich auch für Polen sehr untypisch) nicht so schnell vergessen !

 

Auch solche Strassenbegegnungen zweier sich fotografisch nähernder Menschen gab es, die sich in einem andeutenden Schmunzeln aufgelöst haben.

Nun zu einigen Annehmlichkeiten, welche das Verschmelzen mit Naturgestaltungen und ihren Wesen begleiten: etwa die Püttlach in der fränkischen Schweiz, der rund dreissig Kilometer lange Fluss, in dem sich so viele Forellen tummeln, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Die wenigen Angler brauchten nur wenige Sekunden, um eine an ihrer Rute zappeln zu sehen. - Weite Kilometer sind überzogen vom flutenden Hahnenfuss, der auch den Kanuten und den - der niedrigen Temperatur wegen - wenigen Schwimmern keine Hindernisse in den Weg stellen. - Zwei Tage verbrachten wir in der gemütvoll beschützten Bärenschlucht bei Pottenstein

 

 

 

 

 

In den engen Tälern überall lebenspendende Feuchte, auf den karstigen Anhöhen der vormalig untermeerigen Kalkklippen grosse Trockenheit, in dem viele tapfere Steinbrecherpflanzen ihre Humusunabhängigkeit unter Beweis stellen können. - Wir bewunderten die Kalkplastik der Talwände und ich fand kaum ein Ende innerlichen Kopfschüttelns, als ich an den Felswänden überall eingeschlagene Haken und eingezogene Seile entdeckte und an den Wänden baumelnde oder ihren nächsten Tritt sichernde Klettermenschen antraf. Dabei waren die wundersam weichen Waldwege bestens geeignet, darauf lustwandelnd die Gestaltung der Landschaftsindividualität und des Menschen in ihr zu besinnen. - Da hörten wir wiederholte Schreie, dann das Auffahren aller lebensrettenden Massnahmen, welche eine zivilisierte Welt aufzubieten hat: Polizei, Bergwacht, Rettungsdienste und den per Helikopter eingeflogenen Notarzt des ADAC. Was war geschehen ? - Eine Frau muss vermutlich beim Fotografieren der Klettermenschen rückwärts die Böschung heruntergefallen sein, wo sie dann nun lag und schrie. Sie wurde in einer einrädrigen, bequemen Karrette die wenigen Schritte auf den Talboden gefahren, wo rund ein Dutzend Menschen die wohl im Schock unablässig auf sie einredende Dame umstanden, bis sie dann einen Weg fanden, sie in den Hubschrauber zu hieven und von dannen zu fliegen.

 

 

Ostsee

 

Den längsten Aufenthalt an einem Ort - vier Nächte - verbrachten wir auf der Halbinsel Zingst, auf dem riesigen Campingplatz Regenbogen in Prerow. Hier parkieren in der Hochsaison mehrere Tausend Reisemobile und Autos mit Caravans, wobei letztere per Traktor auf ihren Platz zwischen den Dünen, von normalen Autos unerreichbar, gezogen werden. Der weisse, breite Sandstrand zieht sich viele Kilometer lang in die Weite und beginnt gleich nach einer ehemaligen DDR-Ferienanlage für gehobene Parteimitglieder, welche, als eine Art Frischluftkaninchenstallungen erbaut, schon lange auf das Eintreffen der Abrissbirne wartet.

         DDR-Ferienressort

 

Aus der damaligen Zeit stammen die an der Ostsee weit verbreiteten FKK-Strände, auf denen der materielle Körper als dem einzig gesicherten Wert im Interesse allgemeiner Volksgesundheit auf rationale und moralisch unachfechtbare Weise zur Stärkung und Bräunung Sonne, Wind und Wellen ausgesetzt wird. Viele Ergebnisse solcher Gesundheitsbemühungen zierten die Kalender von Genossen und Genossinnen etwa der 70-er Jahre. (Die sich kindlich unerotisch gebende Nacktheit steht in direkter Nachfolge der Nazi-Ikonografie etwa einer Leni Riefenstahl.)

 

 

Da ich das erste Mal an der Ostsee war, wurden mir erst allmählich die Gepflogenheiten an den noch wenig bevölkerten Stränden bewusst - hier Kleider an, hier Kleider aus - , wobei ich mich bemühte, in beiden Textillagern nicht unanständig zu wirken, was bei den undeutlichen Trennlinien nicht immer gelang. Was mir dabei auffallend war: die Sozialkompetenz der Zeitgenossen nimmt mit zunehmer Nacktheit ab und erschöpft sich zuletzt im Aneinandervorbeitrappen in hölzern stummer "Ich seh Nichts, und du siehst es auch nicht" - Haltung. Was beweist, dass Kleidung, wenn sie sich über Kälte- und Fusssohlenschutz erhebt, als ein primäres ikonographisches Ausdrucksmittel die soziale Interaktion befördert (man denke an das offene Aufeinanderzufliegen beim Eintreffen auf einer sommerlichen Gartenparty) oder zu unterbinden vermag (man stelle sich vor, einen aufgestellten Trupp Soldaten nach der nächsten Kneipe zu fragen). - Am friedvollsten war es abends, wenn die Strände leer waren. Und geschwommen bin ich auch bei niedrigen Temperaturen.

 

 

 

 

Und ungemütlich schön war es in Prerow auf dem Steg bei steifer Brise aus Südwest.

 

 

 

 

Bei Friedrich von Hardenberg in Oberwiederstedt (bei Naumburg an der Saale)1974 hatte ich bereits den Sterbeort von Novalis (Friedrich von Hardenberg) in Weissenfels besucht. - Sein rund 80 Kilometer nördlich davon liegender Geburtsort, das Schlösschen Oberwiederstedt, bewahrt das Umfeld seiner ersten zwölf Jahre und kam nach der Wende wieder in den Besitz der Familie von Hardenberg. Ich habe es damals nicht besuchen können, denn es zerfiel und wurde später zum Abriss bestimmt. Es stand fern davon, dass in ihm irgendeine Erinnerung an Novalis gepflegt werden könnte. Keine einzige Buchhandlung (auch nicht in Weimar oder Jena) führte damals eines seiner Werke und dasjenige, was ich dabei hatte, wollte mir die Grenzpolizei entziehen (Rudolf Steiners Ausführungen In Ausführung des sozialen Organismus fand man dagegen unbedenklich, sie hatte wohl sozialistisch gelesen). Ein Visum hatte ich weder für Weissenfels, noch für Bad Tennstedt, wo Novalis wichtige Monate bei Amtmann Just zugebracht und im nahen Grüningen seiner ersten Braut begegnet ist. Wie ich damals dennoch in jene Orte kam und die nicht ganz ungefährlichen Hindernisse überwand, ist eine andere Geschichte. Nur das altertümliche Visum erteilt soll sie dokumentieren:

 

 

Oberwiederstedt

war eine freudige Überraschung, sowohl was das dort eingerichtete Novalis-Museum als der entstandene Kontakt betraf. - Der Abriss wurde verhindert, weil sich in der finstersten DDR-Zeit, in der sich niemand um den "frömmelnden Kleinadels-Spross" interessierte, sich aus dem Nichts eine aussergewöhnlich hartnäckige Gruppe Jugendlicher zwischen 12 und 22 Jahren gebildet hatte, die tagtäglich vor und nach der Schule beim Schloss erschien und ihre Forderung nach Einstellung der Zerstörung, die bereits begonnen hatte, vorbrachte. Das drang dann allmählich in irgendein wohlwollendes Zentralohr. Gefordert wurde damals natürlich nicht ein Novalis-Museum, sondern ein Jugendzentrum. Im Schlossgarten, wo im bestens gepflegten Rosengarten sich seit neuestem auch die blau blühende Zuchtform namens *Novalis* (duftend) bestaunen lässt.

 

Die Nacht bei der rätselvollen Kapelle in Drüggelte am Möhnesee (Ruhr)

 

Die Kapelle ist sehr klein und auch heute noch schwer zu finden. Wir unterhielten uns mit einem Wachmann, der sich die Nacht um die Ohren schlug, weil es die Kunstwerke zu bewachen galt, die im Zusammenhang mit dem allährlichen Pfingstkulturevent für die gehobene Bildungsschicht rund um den Möhnesee im Freien aufgestellt worden waren . Um 1100 n.Chr. erbaut, ist ihr Grundriss, ein Zwölfeck mit acht Fenstern, in Europa einmalig. Später wurde der Bau katholisch geweiht, indem man den Eingang vergrössert und ihm gegenüber eine kleine Apsis baulich angeklebt hat, damit die Priesterschaft nicht mehr im Zweifel darüber gelassen blieb, wo der die Gemeinde fokussierende Altar aufzustellen sei. Ursprünglich musste der Bau mit zwölf Säulen im Umkreis und vier im Zentrum - zwei mächtige und zwei feine, die nicht auf demselben Kreis stehen - einem anderen Zweck gedient haben. Welchen, ist ungeklärt. Es gibt zahllose Arbeiten hierzu, wobei diejenige des Anthroposophen Kurt Vierl: Im Zwölfsäulenkreis: die Drüggelter Kapelle die genauesten Risse und Berechnungen dieses geomantischen Kleinods enthält. - Im Schlusskapitel diskutiert Vierl die Möglichkeit, dass sich hier die Einweihung des Christian Rosenkreutz im 13. Jahrhundert, wie sie Rudolf Steiner geisteswissenschaftlich erforscht hat, abgespielt haben könnte. Diese These steht der anderen gegenüber, die Isabelle Val de Flor vor kurzem in ihrer diesbezüglichen Arbeit vorschlägt und die auf das Kloster Gottstatt in der Nähe des Westufers des Bielersees