Staatsschule am Ende ?

November 8, 2018

Eine anthropologisch-pädagogische Betrachtung

 

 

I
 

Eine Nachricht des Deutschlandfunks


Heute (am 24.Okt. 2018) vernahm ich im Deutschlandfunk die Nachricht des Verbandes deutscher Krankenkassen, dass 1,1 Millionen, d.h. rund ein Achtel aller Grundschüler in Deutschland in Behandlung stehen. Chronisch auftretendes Kopfweh, Bauchweh, allergische Reaktionen auf alles Mögliche, psychosomatisch verursacht durch seelisches Unwohlsein, Stress und tiefer liegende Ängste. Dies in einer Altersgruppe von rund 6 bis 13-Jährigen, die allgemein als die am wenigsten krankheitsanfällige, als die gesündeste aller menschlichen Lebensstufen gilt. Bereits in der Schweizer SonntagsZeitung vom 19. August war auf der Titelseite zu lesen: „Jeder dritte Schüler leidet an Burnout-Symptomen. Bereits Zehnjährige klagen über Leistungsdruck und Prüfungsstress." - Die Zahlen von Burnouterscheinungen bei Lehrpersonen und den damit verbundenen Arbeitsausfällen wurden nicht genannt. In der Schweiz werden sie wegen der Schulautonomie der Kantone nicht zusammengeführt und sind nur Insidern bekannt. Sie kommen den Steuerzahler teuer zu stehen, denn im Schulsystem gibt es kein Aufschieben und Aufarbeiten, ein Unterrichtsbetrieb, auch nur in der Form der Klassenbetreuung, muss zwingend aufrecht erhalten werden.
       Als Mitglied des Gründungskollegiums der Rudolf Steiner Schule meiner Geburtsstadt Solothurn sowie als Staatsschullehrer mit zwei Jahrzehnten Erfahrung  im Unterrichten von Deutsch, Mathematik, Geographie/Naturlehre, Musik, Zeichnen, Geschichte und Turnen in Basel kann der Leser davon ausgehen, dass ich über den Zustand des gegenwärtigen  Schulwesens nicht zu spekulieren brauche. Wer sich gesunden Menschenverstand erhalten oder erworben hat, wird mir zustimmen, dass für eine optimale Entwicklung der Kinder - und damit zur Verbesserung des mentalen Klimas in der zukünftigen Gesellschaft - sehr viel erreicht wäre, wenn die kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen vorlägen, die es den Eltern, die dies wünschen, ermöglichten, sich auch für einen von politisch-staatlicher Bevormundung freien Schulbesuch oder eben für keinen in der bisher  institutionalisierten Form durchgeführten Unterricht entscheiden zu können. Leider liegt der allgemeine Trend global auch auf diesem Gebiet in der Schwächung der Elternrechte und die Stärkung der Staatsgewalt. Beispiele werden folgen. Wer die normierenden Einflüsse aus dem Staatsschulsystem im Zusammenhang mit seiner die gesunde Entwicklung störende Wirkung zu beurteilen in der Lage ist,  wird in den tiefen Job- und Nebenjobeinkünften gerade der Frauen als eine Begleitbedingung für die zunehmende Verkopfung und Verwahrlosung vieler Heranwachsenden erkennen. Sie wird vornehmlich durch die autoritär verteidigten, materialistisch fehlgeleiteten Erkenntnisdefizite in den pädagogisch-universitären Lehrerausbildungen bekräftigt und vorangetrieben. Das Verhalten der Lehrpersonen gegenüber dem Schulkind ist meist die Konsequenz ihrer Adaption an das unbefragt und ungeprüft während des Studiums übernommene Bild des Schulkindes, des mit ihm verbundenen Erziehungsauftrags und des sich darauf gerichteten Verständnisses seines beruflichen Lehrauftrags. Die durch entsprechende Prüfungen in Form von Vorstellungsdressuren "träumend" erfolgte Anpassung an die Direktiven des staatlichen Arbeitgebers hört mit der Übernahme eines Lehramts nicht auf, sondern wird über den langen Arm der bis zur Verrentung reichenden, obligatorischen Weiterbildung gesichert (dies gilt im wesentlichen für wohlhabende Länder wie die Schweiz, die bisher noch keine einschneidenden Kürzungen am Budget ihres Staats-bildungsauftrags vorgenommen haben). Die Weiterbildungsmassnahmen implantieren und festigen die in den pädagogischen Hochschulen jeweils neu konsolidierten Trends über den Transmissionsriemen der Rektorate hinein in das Amtspflicht-verständnis der einzelnen Lehrpersonen. Der Berufsstand staatsbeamteter LehrerInnen ist heute ein verlässlich angepasster Träger einer für das Erkennen der exstentiellen Bedürfnisse von  Kindern und Jugendlichen verkrusteten Unempfänglichkeit.  



Elterngespräche


Um ein erstes Beispiel zu erwähnen: nach der Jahrtausendwende wurden alle Lehrpersonen im Kanton Baselstadt mit bis ins kleinste Detail vorgeplanten Rollenspielen darauf vorbereitet, die "professionelle Souveränität" - auch unter dem Aspekt möglicher Einsprachen gegen Schulentscheidungen (wie die Zuteilungen in verschiedene Niveaus in den Fächern Deutsch und Mathematik, Empfehlungen für weiterführende Schulen u.a.) - in für Eltern obligatorischen Gesprächen nicht anzweifeln zu lassen. Ich erinnere mich an eine Reihe unterhaltsamer Theatersequenzen, in denen meine Kollegen mit mir Elterngespräche einübten, wobei ich meist einen Elternpart übernahm.
    Eine der dazu vorbereitenden Weiterbildungsmodule war wie so oft der "Feedback-Kultur" gewidmet. Das Generalmotto prangte übergross auf der ersten Folie der PowerPoint-Präsentation: "Bedeutend ist nicht, wie ich meine zu sein, sondern wie ich auf meine Umgebung wirke." - Die Vorstellungshürden, die eine Mentorin/Supervisons-Beauftragte zu überwinden hätte, um die Aussage des bedeutenden Philosophen Paul Asmus in Erfahrung bringen zu können, schienen unüberwindlich: "Das Ich hat seine Identität in sich, doch sein Sein im andern." 
Anm.) zitiert aus "Das Ich und das Ding an sich", Halle 1873 in der verdienstvollen Faksimile-Ausgabe im Berliner FIU-Verlag 2004 (Einleitung: Thomas Brunner)
       Die entsprechende Planung der Elterngespräche, an denen die SchülerInnen meist teilnahmen, begann bereits mit der Vorbestimmung der Sitzordung. Sie berücksichtigte verschiedene Konstellationen sprachlicher, religiös-politischer und verwandtschaftlicher Hintergründe sowie den möglichen Erregungszustand der Eltern. Bei Muslimen war die Anwesenheit der Mutter seltener als etwa die eines Bruders, Cousins oder Onkels, der sich dann oft als Übersetzer zur Verfügung stellte. Jederzeit war mit der Äusserung von Unmut oder den Rückzug in kommunikationsunwillige Distanz zu rechnen, wenn die Hoffnungen in eine Berufskarriere etwa als Chirurg, Advokat oder Bankangestelle danhinschwanden. Dass ein Erfolg an der Staatsschule auch einen finanziellen Erfolg und damit die Lebensqualität der nachfolgenden Generation weitgehend würde sichern können, gehörte zur unverrückbaren Grundüberzeugung der meisten. Ich arbeitete die letzten fünf Jahre vor meiner Pensionierung in einem Schulhaus, in dessen Klassen kaum noch schweizerische Schüler-Innen vorkamen. Der Ausländeranteil im Quartier lag bei weit über 50%, wobei viele im Quartier wohnhafte Schweizer (auch die Lehrer) ihre Kinder in andere Schulen, etwa in eine Rudolf-Steiner-Schule sandten. Unser Schulquartier erfüllte aufgrund soziologischer "Forschung" der Zürcher Universität (zusammen mit dem Kreis 4 in Zürich) alle wesentlichen Bedingungen, um nach schweizerischem Masss