Anthropo-Graffiti ?

February 16, 2019

Graffiti sind Wort/Bild-Zeichen im öffentlichen Raum. An Privathäusern, Bahndammwänden, in O- wie U-Bahnzügen auf Türen und Fenstern gesprayt, oder als geheimnisvolle Tags mit Schablonen auf Elektrokästen übertragen. Die unerwünschten zu entfernen kostet jährlich Milliarden (ich mein jetzt nach Angaben von HauseigentümerVerbänden auf ganz Europa übertragen), doch bleiben die meisten  als Leistungsnachweis unbelehrbarer Künstlernaturen bestehen und verblassen erst nach Jahrzehnten. Wenn es sich um ganze Sätze handelt, dann sind sie kurz und lustig und/oder unverständlich. Oder einfach nur Frustventile. "Macht aus dem Staat Gurkensalat", "La phantasie au pouvoir", "Nieder mit den Alpen - freie Sicht aufs Mittelmeer", "Und - ist es jetzt schöner?", "Alle wollen zurück zur Natur - aber keiner zu Fuss", "legal-illegal-scheissegal !".

     Politisch gestimmte Graffiti verblüffen uns mit kühnen Handlungsanweisungen mit ungenauer Zielsetzung und Ausführungsart, andere sind schlichte Ausdrucksformen banger Unzufriedenheit, wie etwa "Warum müssen wir immer im Chaos ertrinken, um es nicht mehr so oberflächlich zu sehen?"

     Ich habe in den letzten Jahren auch die Zentralschrift der Verbandsanthroposophie, was ihr Titelblatt betrifft, sich dem Graffiti-Modus annähern sehen. Es fehlt noch die stiltypische Bildumsetzung, aber einige "geistige Linien" zeigen bereits ihre Verwandtschaft mit den Strichmännchen von Harald Naegeli, dem berühmten Sprayer von Zürich. Früher im Knast, jetzt als anerkannter Künstler in der Düsseldorfer Galeriewelt unterwegs. Auch er hätte es ohne Graffiti niemals geschafft.

Gibt es wirklich auch eine egoistische Aufmerksamkeit? Also eine "Aufmerksamkeit von unten" gewissermassen? - Schon auf der Titelseite setzt die Erweiterung des Horizontes ein.

Geile Aufforderungen wie "Sehraum hören" oder eben "Hörraum sehen" liegen  im Trend, doch fehlt es dem Grafiker an der entsprechenden Schrift. Anstelle von Helvetica empfehle ich Jacatra:

 So Vieles gibt es zu sehen!

 

Mehrere Himmel sehen ist gewiss schwierig, doch extreme Forderungen gehören nunmal zum Gesamtkonzept. Wie auch buddhistische Empfehlungen. Warum nicht vierzehn Jahre Bagger kucken?

 

Oder mit Rudolf Steiner mit Kurs ins Unerwartete abheben:

Als Sozialkünstler nähert sich Major Tom der Zukunft, die ihm von ferne nah kommt. Unvorstellbar und gerade deshalb besonders gut fürs lebendige Denken.

Der geistige Kosmonaut wird Zeuge bedeutender Metamorphosen. Aus "bös" wird "gut". - Auch Er wird sich einmal ein Abo kaufen.

 

Derjenige, welcher bereits Abonnent ist, wird bereits mit dem nächsten Graffiti als "Erlösungswissender" angesprochen:

Und hier ist es, wo er auf die Schwelle stösst. Und wenn er bisher der Meinung war, dass Erlösung auch eine Leistung sei, so hat er dies Vorurteil nun abzulegen.

 

Bei wiederholten Rückschlägen des Ablegens suche er sich einen "spirituellen Imker" (Codewort für "Eingeweihter"). Da wird Ihnen geholfen, denn seine Bienen wissen alles.

Und zu Weihnachten weiss er dann auch ganz naturmenschlich, dass es seine Weihnacht ist (und sie niemals mehr mit einer Weihnacht für Aliens oder was weiss ich verwechseln).

Er darf nun eintreten. Die moderne AnthropoGraffiti-Sprache öffnet ihm das letzte Tor und er liest:

"Wollen die mich verarschen?"

 

(Die Graffiti's verdanke ich den letzten Titelblättern der Wochenschrift "Das Goetheanum", Dornach)

 

 

 

 

 

 

 

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