Witzenmann auf russisch

July 1, 2019

Über das Zustandekommen einer russischen Witzenmann-Übersetzung und das Nichtzustandekommen einer möglichen Gesamtausgabe.

 

Bericht, vorgetragen an der Pfingsttagung 2019 in Basel

 

 

von Raymond Zoller

Es geht also um das Zustandekommen der russischen Übersetzung von Witzenmanns Schrift "Die Tugenden" sowie das Nichtzustandekommen einer dank günstiger Umstände im Prinzip möglichen russischen Witzenmann-Gesamtausgabe.
Ein Buch, welches, wenn die darin enthaltenen Anregungen zu Entwicklung und Sozialgestaltung zum Tragen gekommen wären, in weiteren Kreisen hätte nützlich werden können.

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Die Übersetzung kam hauptsächlich durch mich zustande, und die günstigen Umstände, die eine Gesamtausgabe möglich gemacht hätten, hingen mit meiner Lebenssituation zusammen. So daß ich nicht umhin komme, auch über mich selbst sowie meine dama-lige Umgebung und Lebenssituation und deren Zustandekommen zu sprechen; und auch in allgemeinen Umrissen über die Aufgaben und Möglichkeiten, die infolge Fehlens eines Rückhalts nicht weiterverfolgt werden konnten.
       Ich stamme aus Luxemburg; mit Russisch und auch mit Steiner hatte ich zunächst nichts zu tun. Der Anstoß, der mich in die russische Sprache einwies, war recht banal: Am Gymnasium hatte ein Mitschüler begonnen, mit Hilfe eines Lehrbuchs im Selbststudium Russisch zu lernen. Spontan besorgte ich mir auch dieses Lehrbuch und machte es ihm nach. Nach ein paar Wochen gab er auf. Ich nicht. Was dann in der Folge ein weitgespanntes Netz von Konsequenzen nach sich ziehen sollte, von denen ich damals nichts ahnte. Obwohl ich nie ein offizielles Russischstudium absolvierte, ja nicht einmal Kurse besuchte.
       Auf Steiner stieß ich, in gewisser Hinsicht, teilweise auf dem Umweg über Atheismus. In meiner luxemburgischen Umgebung fühlte ich mich als Kind und als Halbwüchsiger recht fremd und verloren und verstand nicht so recht, was los ist.

 

                         Raymond mit Opa vor Hasenstall, noch ohne Russisch

 

Vor dem meine Umgebung bestimmenden Katholizismus flüchtete ich früh in eine selbstgebastelte Festung aus fanatischem Atheismus.

 

                    Junglinster Kirche in Luxemburg

 

Doch aufgrund verstreuter nicht von der Hand zu weisender Fragen – über die ich mich mit meiner Umgebung naturgemäß nicht verständigen konnte – fühlte ich mich in dieser Festung nicht recht sicher. Schwerpunktmäßig beunruhigten mich, unter anderem: Daß ich Bewusstsein habe (was zu den materiellen Prozessen, die ich als einzig mögliches Dasein betrachtete, nicht so recht hinzupassen wollte); daß ich mir meine atheistische Festung denkend geschaffen habe (selbst resultiere ich ja bloß aus den materiellen Prozessen und bin als selbständiges Wesen gar nicht existent; und was sollen diese materiellen Prozesse für ein Interesse haben, in meinem eh nicht vorhanden sein dürfenden Bewusstsein ein stimmiges Bild der Wirklichkeit zu erzeugen?); und dann noch: daß ich offensichtlich nicht nur nicht ein Produkt meiner Umgebung bin, sondern aus irgendeinem Winkel meiner selbst heraus sogar mich zur Wehr setzen kann gegen die Einflüsse meiner Umgebung und gegen das, was meine Umgebung aus mir gemacht hat.
       Von hier aus fand sich dann im Weiteren, zunächst noch in unbeholfenem Herumtapsen, eine Anknüpfung an Steiner.
       Erste Anknüpfung für meine Russischkenntnisse ergab sich 1977, als ich beim Herumstöbern in der Achberger Bücherstube auf ein russisches Buch stieß. Ich fragte erstaunt, ob sie auch russische Bücher herausbringen; es kam dann zu einer längeren Unterhaltung, in deren Folge ich engagiert wurde, jenes Buch – "Alternativen der sowjetischen Opposition" – aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich blieb dann gleich in Achberg. Über Achberg, in Verbindung mit diesem Buch, kam ich erstmals in Kontakt mit der russischen Emigrantenszene, der sich dann weiterentwickelte; und außerdem lernte ich dort Klaus Hartmann, seine damalige Frau Annegret und Professor Udert kennen.
       Ende 1978 hauste ich in Norddeutschland; der Jahreswechsel wurde im Freundeskreis gefeiert; darunter auch Klaus Hartmann. Aufgrund des ausbrechenden berühmten Katastrophenwinters blieben wir viel länger beisammen als vorgesehen. Waren halt eingeschneit… Und während der Zeit des Eingeschneitseins beschlossen wir, irgendwo im Einzugsgebiet der Bochumer Universität – wo Klaus studierte und mit Arbeitsgruppen engagiert war – als Wohngemeinschaft zusammenzuziehen. Also kam es zu der Wohngemeinschaft in Opherdike. Ich selbst hielt mich dort nur sporadisch auf; doch so oder so war ich aus allernächster Nähe mit der Entstehung des Novalis-Hochschulvereins in Berührung.

                      Protestantische Kirche in Opherdike


In jenen Jahren war ich, bei aller eigenständig-unbeständiger Lebensweise, recht unbeholfen und ratlos. Ein kaputter Typ sozusagen, mit unter der Kaputtheit wogender Suche nach Orientierung. Aber immerhin war ich in dieser Suche, bei aller Kaputtheit, konsequent. So gut es halt möglich war.
       Steiner war für mich – trotz gelegentlichem Abirren in entwicklungsfeindliches schwärmerisches oder theoretisierendes Gegeistel – in allererster Linie Hilfe zur Entwicklung eigener Orientierung. Und eben dieses konkrete Orientierungsbemühen wirkte – wie ich rückblickend verstehe – auf meine anthroposophische Umgebung teilweise befremdlich.
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Durch den Kontakt mit der russischen Emigrantenszene, Verfolgen der russischen Presse und Emigrantenpresse und auch durch meine Tätigkeit als Dolmetscher und Übersetzer war ich praktisch permanent mit Russland verbunden; auch wenn ich mich zunächst dort nicht aufhielt.
       Anfang Dezember 1990 wurde ich von einer Bekannten gebeten, an ihrer Stelle eine humanitäre Fracht nach Wolgograd zu begleiten. Das diakonische Hilfswerk hatte sie um solche Gefälligkeit gebeten; sie hatte zugesagt; aber eigentlich hatte sie keine Lust, nach Wolgograd zu fliegen.
       Die Bitte erfüllte ich ihr; und kurze Zeit später war ich in einem sowjetischen Antonow-Transportflugzeug unterwegs nach Wolgograd. Außer in Wolgograd hielt ich mich auf dieser Reise noch eine Weile in Moskau auf; wobei Kontakte angelegt wurden, die dann später wichtig werden sollten.

                   Eine Antonow-22 im Anflug

                                                                    
Der Szenenwechsel in Verbindung mit der Wolgograd-Reise führte, schon gleich in den ersten Tagen, zu einem abrupten inneren Aufrichten, einer inneren Klärung.
Interessanterweise führte eben die zunehmende Klarheit zu einer sich verstärkenden Entfremdung von meiner Umgebung im Novalis-Hochschulverein. Zunächst nicht von Klaus Hartmann; im Umgang mit ihm verstärkte sich nur eine Merkwürdigkeit, die mir auch schon vorher aufgefallen war: Im privaten Umgang verstand man sich; wenn er im Kreise seiner Novalis-Leute war, löste er sich darin auf, war mehr oder weniger Funktionär. Privat konnte ich mich – zunächst – auch weiter mit ihm verständigen. Für die Novalis-Oberschicht wurde ich nun zunehmend zum nichternstzunehmenden Spinner. Umgekehrt entdeckte ich selbst in der Vorgehensweise der Novalisianer, in ihrer "Geistesart" Unstimmigkeiten, die mir vorher in dem Maße nicht aufgefallen waren. Aus unterschiedlichen Gründen kam es zu einem gegenseitigen Nichternstnehmen. Mit Klaus Hartmann konnte ich mich damals über meine Beobachtungen bezüglich "Geistesart" noch sachlich unterhalten.
       Ich lebte dann, in zunehmender Distanzierung, noch über ein Jahr in dieser Umgebung, unterbrochen durch ein paar Russlandreisen. Trotz der Distanzierung hoffte ich darauf, im Novalis-Hochschulverein für meine sich abzeichnende Tätigkeit in Russland einen Stützpunkt, einen Rückhalt zu haben. Da ich nämlich nicht wusste, wo sonst. Sogar spendete ich ihnen, damit laufender Kontakt möglich sei, ein Faxgerät (das war noch in den vorsintflutlichen Zeiten, als es kein E-Mail gab). Solches war mir möglich, da ich als freier Dolmetscher und Übersetzer recht gut verdiente. Diese Broterwerbsarbeit musste ich nun reduzieren und dann einstellen, da ich meine Zeit für anderes brauchte. Ich hatte noch etwas Reserven und ging davon aus, daß im Zuge der weiteren Aktivitäten sich dann was ergibt.
       Für das Faxgerät war man dankbar; aber im erhofften Sinne kam es dann nicht nennenswert zum Einsatz.
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In den Jahren in "freier Wildbahn" hatte ich ein Gespür entwickelt: was für mich ist und wo ich tätig werden soll; ganz egal, wie weit das von meiner momentanen Situation abliegen mag und egal, wie spinnig das für in ihrem gewohnten Alltagstrott Befangene aussehen mag. Zusammen mit dem inneren Aufrichten wurde auch dieses Gespür griffiger; und gleichzeitig bewegte sich das, was ich als "für mich" erkannte, immer weiter weg vom gutbürgerlichen Alltagstrott; und es war natürlich, daß ich von Leuten, die ihren Alltagstrott als das einzig mögliche Normale betrachteten, als weltfremder Spinner betrachtet wurde.
       1991 unternahm ich für das deutsche Diakonische Werk noch mehrere Reisen nach Russland. Bei einer dieser Reisen hatte ich im Patriarchat eine Besprechung; und bei dieser Besprechung erfuhr ich, mehr nebenbei, daß der Bischof von Archangelsk in Angelegenheiten des Solowjezki-Klosters sich in Moskau aufhält. Ich wurde hellhörig. Die Rolle des Solowjezki-Klosters ist mir in allgemeinen Umrissen vertraut. Dort wurde in großem Stil das erste sowjetische Konzentrationslager errichtet; doch auch vorher hat sich das Kloster, allerdings in mehr positivem Sinn, hervorgetan. Ich wollte den Bischof sprechen. Was sich ohne Probleme arrangieren ließ.
       Ich schlug ihm vor: daß ich zusammen mit einem Moskauer Filmregisseur im Kloster Filmaufnahmen mache; und daß wir im Weiteren versuchen, über einen solchen Dokumentarfilm im Westen Mittel aufzutreiben als Hilfe für die Restaurierung des Klosters.
        Jenen Filmregisseur, Valeri Sheregi, hatte ich irgendwann 1990 in Deutschland kennengelernt, als er einen seiner Filme vorführte. Als ich, bei der ersten Reise, nach dem Aufenthalt in Wolgograd noch in Moskau zu tun hatte, wohnte ich bei seiner Familie. Da schmiedeten wir Pläne, ein gemeinsames Filmstudio aufzuziehen. Im Zuge dieses Bemühens finanzierte ich ihm eine professionelle Videokamera (die dann wesentlich näher im Sinne der ursprünglichen Absichten zum Einsatz kam als erwähntes Faxgerät).
Ein paar Tage nach meinem Treffen mit dem Bischof saßen Valery und ich, die Kamera im Gepäck, im Flugzeug nach Archangelsk; und etwas später dann weiter in einer kleinen Maschine auf die Solowjezki-Inseln. Das war eine Zeit, wo man noch nicht so einfach auf die Solowjezki-Inseln reisen konnte. Aber es funktionierte alles reibungslos.

Solowjezki-Kloster im Herbst (oben)

 

Solowjezki-Kloster normal (unten)