Liebe

November 8, 2019

"Lasst nicht, was in den äußeren Verhältnissen des Zeitalters liegt, so in euch ein, dass es euer Wesen bestimmt. Strebt vielmehr nach der Verwandlung eurer Seele durch ständige Bewusstseins- Erneuerung, so dass ihr ein Organ dafür bekommt, was der Wille Gottes ist, für das Gute, das Harmonische und das Weiheziel der Welt."  (Aus dem Brief des Paulus an die Römer 12/ 2)

Unser Zeitalter wird mehr und mehr menschenfeindlich, genormt und einem Regelwerk unterworfen, das seinem Wesen nach nur die Zerstörung oder Stillstand der Welt zum Ziel zu haben scheint.
    Ein Blick ins Zeitgeschehen zeigt, wie die kapitalistischen Kriege unbarmherzig weiter vorangetrieben werden und auch das menschliche Miteinander in Parteilichkeit und Gegeneinander münden. Die menschliche Freiheit bezieht sich daher auch nur auf die rein materialistischen Ebenen des Daseins. Es kann wohl zwischen Großkonzernen gewählt und Reiseziele - wo auch immer man hin möchte - gebucht werden. Hierin liegt Konsumversprechen als das zu erreichende Glück als Flucht aus dem dauernden Hamsterrad des Alltags. Die Natur zeigt ihre Grenzen, macht deutlich, dass blinde Abholzung der Wälder und Kriege eben nicht das Glück der Erde bedeuten, sondern Ausdruck eines Weltverstehens ist, das nichts mit dem geistigen Ursprung allen Lebens zu tun hat und so aufzeigt, dass etwas Gravierendes fehlt.
    Ein gesundes Bewusstsein fehlt uns, ein Stehen zu sich selbst, zur Natur und zur Welt an sich. Das materielle Weltbild zieht groteske Formen nach sich, die nur durch ein spirituelles, auf den Menschen hin ausgerichtetes Weltbild aufgelöst werden können.
     Dies gelingt jedoch nur, wenn die Kraft der Selbsterkenntnis geschult und somit die Bewusstheit dem eigenen ICH ( nicht dem niederen Ich hin, sonderen dem in uns wohnenden, höheren Christus-Ich) gegenüber sich entfalten kann. Denn es beginnt beim individuellen Mensch selbst, um sich innerhalb der Seelenverwandlung zu erweitern und auszufüllen mit seelisch-geistigem Lebensinhalt, der heilend einwirkt auf alles, was uns umgibt.
    Die von Paulus angesprochene Verwandlung der Seele, der Seelenkräfte ist das Rüstzeug, um dem menschlichen Dasein auf dem Erdenplan den geistigen Sinn wieder zu erlangen und dem Weltgeschehen andere, auf Weltenwandel ausgelegte geistige Kräfte zu geben, die dem materialistischen, sich automatisierenden Weltgetriebe die notwendige Gegenkraft entgegensetzen. Denn das Weiheziel der Welt ist es, die Liebe herauszubilden und unsere Werkwelt Erde in einen Planeten der Liebe hin umzugestalten.

"Wo Liebe, wo Mitgefühl sich regen im Leben, vernimmt man den Zauberhauch des die Sinnenwelt durchdringenden Geistes"  (aus «Die Schwelle der geistigen Welt» 1913, S.25)

Im Sinne diesen Ausspruchs Rudolf Steiners möchte ich mich anhand der folgenden Übersicht an eine Skizze wenden, was zweifellos nur ein Versuch sein kann:

Die harmonische Entwicklung als Voraussetzung einer "durchchristeten Ich-Bildung" von:
a) Liebe als geistige Kraft im Denken
b) Liebe zum Handeln als ihre Erscheinung in der Welt
c) Die Liebe des gefühlvollen Lebens, die der Verbindungs- und Vereinigungsaufgabe von Himmel und Erde durch den Menschen Ausdruck verleiht.



a) Liebe als geistige Kraft im Denken

Erst, wenn wir denkend die Antriebe unserer Seele betrachten, die Sympathie und Antipathie als Urtrieb in sich tragen und uns bewusst verwandelnd diese erneuern, indem wir sowohl Sympathie und Antipathie durch uns selbst wandeln, können wir uns den innewohnenden Seelenkräften bewusst formend zuwenden und somit die niederen Triebe unter unsere Herrschaft des in uns lebenden ICH stellen. Dadurch gelingt es, konstruierte, geprägte Sentimentalitäten als Hemmnis des wirklich geistig- seelischen Fühlens zu entkräften.
    So gelangen wir dazu, in die wirkliche Qualität des Fühlens einzutauchen. Selbsterkenntnis durch ein Denken, welches nicht abstrakt und unbeweglich ist, macht es möglich, uns als Menschen selbst eine neue Lebensqualität zu schenken, denn nur so können wir der Liebe begegnen. Die Liebe selbst ist die Läuterungskraft, die das Bewusstsein Stück für Stück lichtet und erfüllt.
    Dadurch, dass wir uns im Denken schulen, wodurch wir uns als Beobachter frei machen, auch gegenüber uns selbst, können wir der in uns wirkenden, hemmenden wie fördernden Kräften gewahr werden. Wir erhalten so einen Abstand zu uns selbst, nehmen das niedere in uns wahr und können es bewusst formend wandeln.
    Die Seelenkräfte zu läutern, bedingt die freie Sicht, auch die eigenen Schattenseiten bewusst zu sehen und als solche durch kontinuierliche seelische Beobachtung immer mehr mit Licht zu durchkraften. Dadurch lösen sich nach und nach Abhängigkeiten, die an einem Weltbild haften, welches unser Selbst verleugnet und dadurch von einem geistig-christlichen Leben abhalten.
    Als anthroposophische Geistesschüler wissen wir, dass durch dieses Studium sich der Egoismus noch tiefer verfestigen und die hässlichsten Blüten tragen wird, wenn nicht die freie Liebestat ohne jeglichen Geltungsbedarf hinzutritt.
    Um das ICH zu durchchristen, muss ich verstehen, welche Bedeutung der Christus- Impuls für uns als Individualitäten hat und was es für die Menschheit im allgemeinen bedeutet. Das ICH wird Herrscher der Seelenkräfte, wenn ich, beginnend mit dem Denken, die Verwandlung derselben beginne. Das aber geht nicht, ohne die Leiber zu berücksichtigen, die sich mit den Seelenkräften in Harmonie verwandeln, wenn der Schulungsweg der Geisteswissenschaft beschritten wird, ohne die es nicht möglich ist, Christus und das Mysterium im Zeitenlauf immer mehr zu verstehen, immer tiefer hineinzudringen in die Geheimnisse, die sich dem gewöhnlichen Denken verschließen.
     Zu den Seelenkräften treten neben den Wesensgliedern des Menschen (darauf ebenfalls einzugehen, würde jetzt zu weit reichen) auch die geistigen Hierarchien in ein eng verwobenes Verhältnis.
 
"Alles, was wir in der Welt durch unser Gefühl, durch dieses innigste Leben der Seele, zu unserem Eigenen machen, das besteht in dem Wellen und Weben der Geister der höheren Hierarchien in unserem eigenen astralischen Leibe. Wenn wir uns bewußt werden unseres Gefühles, so ist dieses Bewußtsein vom Fühlen dasjenige, was der Mensch zunächst hat, aber in diesem Fühlen lebt das Weben und Wirken der Geister der höheren Hierarchien durch den Menschen. Wir können nicht das Seelische wirklich fassen, wenn wir nicht dieses Seelische getaucht empfinden in die Geistwelten der höheren Hierarchien.“
(GA 225, S.163f)

Rudolf Steiner stellt die Vereinigung der seelischen Grundkräfte mit den geistigen Hierachien in seinen anthroposophischen Leitsätzen folgendermaßen dar:
 
59. Eine unbefangene Betrachtung des Denkens zeigt, daß die Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins kein eigenes Dasein haben, daß sie nur wie Spiegelbilder von etwas auftreten. Aber der Mensch fühlt sich als lebendig in den Gedanken. Die Gedanken leben nicht; er aber lebt in den Gedanken. Dieses Leben urständet in Geist-Wesen, die man (im Sinne meiner «Geheimwissenschaft») als die der dritten Hierarchie, als eines Geist-Reiches, ansprechen kann.
60. Die Ausdehnung dieser unbefangenen Betrachtung auf das Fühlen zeigt, daß die Gefühle aus dem Organismus aufsteigen, daß sie aber nicht von diesem erzeugt sein können. Denn ihr Leben trägt ein vom Organismus unabhängiges Wesen in sich. Der Mensch kann sich mit seinem Organismus in der Naturwelt fühlen. Er wird aber gerade dann, wenn er dies, sich selbst verstehend tut, sich mit seiner Gefühlswelt in einem geistigen Reiche fühlen. Das ist dasjenige der zweiten Hierarchie.
61. Als Willenswesen wendet sich der Mensch nicht an seinen Organismus, sondern an die Außenwelt. Er fragt nicht, wenn er gehen will, was empfinde ich in meinen Füßen, sondern, was ist dort draußen für ein Ziel, zu dem ich kommen will. Er vergißt seinen Organismus, indem er will. In seinem Willen gehört er seiner Natur nicht an. Er gehört da dem Geist-Reich der ersten Hierarchie an. 
  (GA 26, S.41)

Das angelernte Denken, in Fachbereichen und Wissenanhäufungen ohne lebendige Anw