Liebe

November 8, 2019

"Lasst nicht, was in den äußeren Verhältnissen des Zeitalters liegt, so in euch ein, dass es euer Wesen bestimmt. Strebt vielmehr nach der Verwandlung eurer Seele durch ständige Bewusstseins- Erneuerung, so dass ihr ein Organ dafür bekommt, was der Wille Gottes ist, für das Gute, das Harmonische und das Weiheziel der Welt."  (Aus dem Brief des Paulus an die Römer 12/ 2)

Unser Zeitalter wird mehr und mehr menschenfeindlich, genormt und einem Regelwerk unterworfen, das seinem Wesen nach nur die Zerstörung oder Stillstand der Welt zum Ziel zu haben scheint.
    Ein Blick ins Zeitgeschehen zeigt, wie die kapitalistischen Kriege unbarmherzig weiter vorangetrieben werden und auch das menschliche Miteinander in Parteilichkeit und Gegeneinander münden. Die menschliche Freiheit bezieht sich daher auch nur auf die rein materialistischen Ebenen des Daseins. Es kann wohl zwischen Großkonzernen gewählt und Reiseziele - wo auch immer man hin möchte - gebucht werden. Hierin liegt Konsumversprechen als das zu erreichende Glück als Flucht aus dem dauernden Hamsterrad des Alltags. Die Natur zeigt ihre Grenzen, macht deutlich, dass blinde Abholzung der Wälder und Kriege eben nicht das Glück der Erde bedeuten, sondern Ausdruck eines Weltverstehens ist, das nichts mit dem geistigen Ursprung allen Lebens zu tun hat und so aufzeigt, dass etwas Gravierendes fehlt.
    Ein gesundes Bewusstsein fehlt uns, ein Stehen zu sich selbst, zur Natur und zur Welt an sich. Das materielle Weltbild zieht groteske Formen nach sich, die nur durch ein spirituelles, auf den Menschen hin ausgerichtetes Weltbild aufgelöst werden können.
     Dies gelingt jedoch nur, wenn die Kraft der Selbsterkenntnis geschult und somit die Bewusstheit dem eigenen ICH ( nicht dem niederen Ich hin, sonderen dem in uns wohnenden, höheren Christus-Ich) gegenüber sich entfalten kann. Denn es beginnt beim individuellen Mensch selbst, um sich innerhalb der Seelenverwandlung zu erweitern und auszufüllen mit seelisch-geistigem Lebensinhalt, der heilend einwirkt auf alles, was uns umgibt.
    Die von Paulus angesprochene Verwandlung der Seele, der Seelenkräfte ist das Rüstzeug, um dem menschlichen Dasein auf dem Erdenplan den geistigen Sinn wieder zu erlangen und dem Weltgeschehen andere, auf Weltenwandel ausgelegte geistige Kräfte zu geben, die dem materialistischen, sich automatisierenden Weltgetriebe die notwendige Gegenkraft entgegensetzen. Denn das Weiheziel der Welt ist es, die Liebe herauszubilden und unsere Werkwelt Erde in einen Planeten der Liebe hin umzugestalten.

"Wo Liebe, wo Mitgefühl sich regen im Leben, vernimmt man den Zauberhauch des die Sinnenwelt durchdringenden Geistes"  (aus «Die Schwelle der geistigen Welt» 1913, S.25)

Im Sinne diesen Ausspruchs Rudolf Steiners möchte ich mich anhand der folgenden Übersicht an eine Skizze wenden, was zweifellos nur ein Versuch sein kann:

Die harmonische Entwicklung als Voraussetzung einer "durchchristeten Ich-Bildung" von:
a) Liebe als geistige Kraft im Denken
b) Liebe zum Handeln als ihre Erscheinung in der Welt
c) Die Liebe des gefühlvollen Lebens, die der Verbindungs- und Vereinigungsaufgabe von Himmel und Erde durch den Menschen Ausdruck verleiht.



a) Liebe als geistige Kraft im Denken

Erst, wenn wir denkend die Antriebe unserer Seele betrachten, die Sympathie und Antipathie als Urtrieb in sich tragen und uns bewusst verwandelnd diese erneuern, indem wir sowohl Sympathie und Antipathie durch uns selbst wandeln, können wir uns den innewohnenden Seelenkräften bewusst formend zuwenden und somit die niederen Triebe unter unsere Herrschaft des in uns lebenden ICH stellen. Dadurch gelingt es, konstruierte, geprägte Sentimentalitäten als Hemmnis des wirklich geistig- seelischen Fühlens zu entkräften.
    So gelangen wir dazu, in die wirkliche Qualität des Fühlens einzutauchen. Selbsterkenntnis durch ein Denken, welches nicht abstrakt und unbeweglich ist, macht es möglich, uns als Menschen selbst eine neue Lebensqualität zu schenken, denn nur so können wir der Liebe begegnen. Die Liebe selbst ist die Läuterungskraft, die das Bewusstsein Stück für Stück lichtet und erfüllt.
    Dadurch, dass wir uns im Denken schulen, wodurch wir uns als Beobachter frei machen, auch gegenüber uns selbst, können wir der in uns wirkenden, hemmenden wie fördernden Kräften gewahr werden. Wir erhalten so einen Abstand zu uns selbst, nehmen das niedere in uns wahr und können es bewusst formend wandeln.
    Die Seelenkräfte zu läutern, bedingt die freie Sicht, auch die eigenen Schattenseiten bewusst zu sehen und als solche durch kontinuierliche seelische Beobachtung immer mehr mit Licht zu durchkraften. Dadurch lösen sich nach und nach Abhängigkeiten, die an einem Weltbild haften, welches unser Selbst verleugnet und dadurch von einem geistig-christlichen Leben abhalten.
    Als anthroposophische Geistesschüler wissen wir, dass durch dieses Studium sich der Egoismus noch tiefer verfestigen und die hässlichsten Blüten tragen wird, wenn nicht die freie Liebestat ohne jeglichen Geltungsbedarf hinzutritt.
    Um das ICH zu durchchristen, muss ich verstehen, welche Bedeutung der Christus- Impuls für uns als Individualitäten hat und was es für die Menschheit im allgemeinen bedeutet. Das ICH wird Herrscher der Seelenkräfte, wenn ich, beginnend mit dem Denken, die Verwandlung derselben beginne. Das aber geht nicht, ohne die Leiber zu berücksichtigen, die sich mit den Seelenkräften in Harmonie verwandeln, wenn der Schulungsweg der Geisteswissenschaft beschritten wird, ohne die es nicht möglich ist, Christus und das Mysterium im Zeitenlauf immer mehr zu verstehen, immer tiefer hineinzudringen in die Geheimnisse, die sich dem gewöhnlichen Denken verschließen.
     Zu den Seelenkräften treten neben den Wesensgliedern des Menschen (darauf ebenfalls einzugehen, würde jetzt zu weit reichen) auch die geistigen Hierarchien in ein eng verwobenes Verhältnis.
 
"Alles, was wir in der Welt durch unser Gefühl, durch dieses innigste Leben der Seele, zu unserem Eigenen machen, das besteht in dem Wellen und Weben der Geister der höheren Hierarchien in unserem eigenen astralischen Leibe. Wenn wir uns bewußt werden unseres Gefühles, so ist dieses Bewußtsein vom Fühlen dasjenige, was der Mensch zunächst hat, aber in diesem Fühlen lebt das Weben und Wirken der Geister der höheren Hierarchien durch den Menschen. Wir können nicht das Seelische wirklich fassen, wenn wir nicht dieses Seelische getaucht empfinden in die Geistwelten der höheren Hierarchien.“
(GA 225, S.163f)

Rudolf Steiner stellt die Vereinigung der seelischen Grundkräfte mit den geistigen Hierachien in seinen anthroposophischen Leitsätzen folgendermaßen dar:
 
59. Eine unbefangene Betrachtung des Denkens zeigt, daß die Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins kein eigenes Dasein haben, daß sie nur wie Spiegelbilder von etwas auftreten. Aber der Mensch fühlt sich als lebendig in den Gedanken. Die Gedanken leben nicht; er aber lebt in den Gedanken. Dieses Leben urständet in Geist-Wesen, die man (im Sinne meiner «Geheimwissenschaft») als die der dritten Hierarchie, als eines Geist-Reiches, ansprechen kann.
60. Die Ausdehnung dieser unbefangenen Betrachtung auf das Fühlen zeigt, daß die Gefühle aus dem Organismus aufsteigen, daß sie aber nicht von diesem erzeugt sein können. Denn ihr Leben trägt ein vom Organismus unabhängiges Wesen in sich. Der Mensch kann sich mit seinem Organismus in der Naturwelt fühlen. Er wird aber gerade dann, wenn er dies, sich selbst verstehend tut, sich mit seiner Gefühlswelt in einem geistigen Reiche fühlen. Das ist dasjenige der zweiten Hierarchie.
61. Als Willenswesen wendet sich der Mensch nicht an seinen Organismus, sondern an die Außenwelt. Er fragt nicht, wenn er gehen will, was empfinde ich in meinen Füßen, sondern, was ist dort draußen für ein Ziel, zu dem ich kommen will. Er vergißt seinen Organismus, indem er will. In seinem Willen gehört er seiner Natur nicht an. Er gehört da dem Geist-Reich der ersten Hierarchie an. 
  (GA 26, S.41)

Das angelernte Denken, in Fachbereichen und Wissenanhäufungen ohne lebendige Anwendung, muss an Vorstellungsgrenzen stoßen. Wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass es neben einem guten Gott auch eine böse Kraft geben kann, oder das Krankheiten zur Reinigung und zum Aufbau der Seelenkräfte da sind und deren Ursprung zumeist nicht in diesem Leben liegen (diese Ausführungen sollen nur der Versinnbildlichung dienen), kann es nicht lebendig sein. Die wesenhafte Kraft im Denken aber ist an sich lebendig. Die Liebe schafft die Vorstellungen im Menschen, um einen anderen in Liebe begegnen zu können. Natürlich hat die egoistische Liebe  (ich Liebe, weil ich mich an der Liebe erfreuen will) ebenso ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Doch nur dadurch, dass ich im anderen Wesen die liebenswürdigen Anteile sehe und für mich hervorhebe, bin ich zur reinen (frei von Egoismus) Liebe fähig. Würde ich nur das Schattenhafte betrachten, könnte ich nicht zur Liebe zum anderen kommen. Doch wenn ich die liebenswürdigen Eindrücke in mir aufnehmen kann, tritt mir die Liebe so entgegen, dass sie durch das andere Wesen mir begegnet, dass sie durch dieses auf mich wirkt, so dass ich in mir selbst die Liebe für den anderen erwecke und so in der reinsten unberührbaren Form der Liebe stehe.
    Etwas anderes ist es, wenn es um die geistige Liebe geht, um die Liebe zur geistigen Welt. Um zur Liebe eines anderen Wesens fähig zu sein, bedarf es der Freiheit von mir selbst, ich will den anderen Menschen um seinet Willen lieben, nicht um mich an der Liebe zu ihm zu bereichern und mich dadurch gut zu fühlen. Die geistige Welt lieben können setzt den eigenen (Über)-Lebens-willen voraus. Ich muss mich selbst als Christus-Ich begabtes Wesen genug lieben, um einzusehen, dass es nur ein menschenfreundliches, menschen-gemäßes Leben geben kann, das durch die eng verwebte Verbindung zur geistigen Welt mit mir und der irdischen Welt im Gleichklang sich weiter entwickeln kann.
"Was sich in der Menschheitsentwickelung, die mit dem Mysterium von Golgatha begonnen hat, auf der Erde auslebt seit dem vierten nachatlanti-schen Kulturzeitraum an Erstaunen oder Verwunderung über die Dinge, alles was in uns leben kann als Erstaunen und Verwunderung, das geht endlich an den Christus heran und bildet mit den Astralleib des Christus-Impulses. Und alles, was in den Menschenseelen Platz greift als Liebe und Mitleid, das bildet den ätherischen Leib des Christus-Impulses, und was als Gewissen in den Menschen lebt und sie beseelt, von dem Mysterium von Golgatha bis zum Erdenziele hin, das formt den physischen Leib oder das, was ihm entspricht, für den Christus-Impuls.“  (GA 133, S.113f)
     Die Darstellung Steiners über die Bedeutung des Christusimpulses für unsere Leiber sind nicht als schön geblümte Worte zu nehmen, denn Sentimentalität ist hier eindeutig nicht gemeint und die Gefahr ist groß, die Begriffe Erstaunen, Verwunderung, Mitleid und Gewissen mit untergeordneten Gefühlen zu verwechseln, solange sie nicht denkend durchdrungen werden. Liebe und Weisheit müssen Hand in Hand gehen, sonst richtet die allein wirkende "Liebe" nur Schaden an.
    Die Weisheit aber ruht im gereinigten Denken, die frei von eigenen Meinun-gen und Vorstellungen ist und durch das fortschreitende Leben durch innige Erfahrung wächst.
Sobald ich den Weg des Geistschülers beschreite, komme ich nicht umhin, die Veränderungen selbstschulend zu bedingen und kann sie mit Geduld und Üben durch seelische Beobachtung wahrnehmen und begleiten.


b) Liebe zum Handeln als ihre Erscheinung in der Welt

Es mag dem gesellschaftlichen Bild widersprechen und dem schlichten Denken fremd erscheinen, doch nur dadurch dass der individuelle Mensch willens ist, seine Seelenkräfte zu vervollkommnen, sie zur Reife hin zu führen und die Wirksamkeit blinder Triebe aus sich selbst verbannen lernt, ergibt sich das Ziel der Verwirklichung rein intuitiv erfasster Sittlichkeitsziele. Durch die Fähigkeit, sich zum intuitiven Ideengehalt der Welt zu erheben, werde ich frei von äußeren, irdischen Regelwerken und stehe in der reinen Verantwortung für mich selbst gegenüber den Welten. Denn mit wachsender Erkenntnis wächst auch die Verantwortung.
    Als Student der Geisteswissenschaft weiß ich, dass im Kamaloka die Seelenkräfte nach und nach geläutert, gereinigt werden von dem, was an Antipathie-Kräften ihnen innewohnt. Doch ist es leicht einzusehen, dass selbiges bereits auf dem Erdenplan vollzogen werden kann. Die Anhaftungen, die den physischen Leib bedingen, begegnen uns dabei als erstes. Sind die Anhaftungen an die materielle Hülle groß, so lastet der Verlust stark in den Seelen. Je mehr ich davon bereits im Irdischen löse, umso weniger erscheinen sie in der geistigen Welt. Es ist von Vorteil, Begierden und (unbewusste) Abhängigkeiten eher bereits jetzt zu lösen, als später im Geisterland, wenn es ohnehin nicht anders geht.
    Dadurch, dass ich in mir die höchste Stufe des individuellen Lebens (Anm.1) das begriffliche Denken ausbilde, bin ich in der Lage, durch seelische Beob-achtung zu erkennen, dass kein Gefühl meine freie Handlung bestimmt, sondern dass erst durch den Augenblick der Handlung das Gefühl dazu hervorgebracht wird. - Auf bloße Vorstellungen begründete Handlungen sind niedere Verrichtungen, die keinen wirklichen Wert in sich tragen. Erst im Augenblick der Handlung selbst entsteht das Empfinden dazu und kann als solches nicht vorausbestimmt werden.
    Moralische Bewertungen können nicht von außen mich zu einer bestimmten Handlung bewegen, wenn ich den Freiheitsbegriff hinzunehme. Allein mein Denken ist es, welches in mir die moralische Wertungen bedingt. In mir selbst muss ich die geistgetragenen Gründe zur Handlung finden und mich frei dazu entschließen. Die Liebe, als geistige Kraft, zur Sache, zum Objekt, zum anderen Menschen ist der einzige Grund meiner auszuführenden Tat. Die Freude oder der Schmerz werden durch die Tat hervorgebracht. Denn auch der Schmerz (nicht körperlich), kann sich durch ein bestimmtes Handeln zeigen, doch ist es wiederum die Liebe, die den Schmerz im Augenblick des Vollziehens trägt. In der Liebe stehend stellt sich die Frage nicht, ob das, was ich tue gut oder böse ist, es ist auch nicht möglich, eine andere Autorität außer mich selbst anzuerkennen, die befähigt ist, so zu handeln, wie ich es gerade kann und die dadurch bestimmen könnte, welcher moralische Wert Ursache ist. Daraus folgt, dass ich handle, weil ich liebe, kein anderer Grund hat seine Berechtigung und dadurch, dass ich in Liebe die Tat vollziehe, wird sie gut, egal wie es für Außenstehende dann aussehen mag, da auch die Einsicht in die Notwendigkeit einer Nicht-Handlung aus Liebe geschieht und damit nicht böse sein kann. Die Liebe im Handeln kann daher als Urgrund des Guten erkannt werden.
Die höhere Ich-Instanz in mir ist es, welches mir die Moral-Erkenntnis er-möglicht, das innere Gewissen, das mich leitet in allem, was ich tue. (Hier könnte sich ein Widerspruch mit dem weiter oben Ausgeführtem zeigen, doch nur, wenn ich die Ich-Kraft meines Selbst nicht als Christus-Ich betrachte.)
     Wenn ich im ICH- Bewusstsein ganz in der Liebe stehe, dann erweitere ich die Grenzen dessen, wozu ich zu lieben fähig bin. In der Liebe lebend versenke ich mich ganz in das, was ich tue, sei es Kuchen backen, einen Menschen pflegen, oder mich für die Umwelt zu engagieren. Da gibt es dann keinen blinden Aktivismus, keine sentimentalen Verzettelungen oder, wenn es um Kinder geht, keine LaissezFaire-Erziehung. Weisheitsdurchlichtete Liebe zur inneren Freiheit ist die wahre Liebeskraft, auf der die Hoffnung für die Menschheit gründet. Mich von der egoistischen Liebe, mich um meiner willen zu läutern, zu befreien, die im Werdegang des Menschen nur ein Hemmnis darstellt. (Anm.2)


c) Die Liebe des gefühlvollen Lebens, die der Verbindungs- und Vereinigungsaufgabe von Himmel und Erde durch den Menschen Ausdruck verleiht.

Das wichtigste Gebot
«Da trat ein Schriftgelehrter herzu, der sie hatte streiten hören und erkannt hatte, wie gut er ihnen antwortete. Und er fragte ihn: Welches ist das wichtigste unter allen Geboten?
    Und Jesus antwortete: Das erste ist dies: Höre Israel, der Herr unser Gott ist der einzige Herr und du sollst den Herren, deinen Gott, lieben von ganzen Herzen, mit ganzer Seele, mit allen Kräften des Denkens und mit allen Kräften des Willens. Das zweite ist dies: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ein Gebot, das über diesem stände, gibt es nicht.»
Markus-Evangelium, Kapitel 12, 28- 31
 
Die geistige Welt mit ihren Wesenheiten, die uns das Leben ermöglichen, uns jeden Tag begleiten und für uns in unserer Leibesorganisation dafür sorgen, dass wir uns selbst als ein geistiges Wesen verstehen lernen, ist eine Erkenntnis, die der Liebe zugrunde liegt.
     Es ist deutlich zu sehen, wie sehr die meisten Menschen darunter leiden, zwar die Verbindung zur geistigen Welt zu fühlen, allein die wahrhafte Erkenntnis ihrer nicht  zu erringen. - Selbst der materialistischste Mensch sehnt sich in seinem Inneren nach Liebe und sucht sie irrtümlich in Äußerlich-keiten und materiellen Besitztümern. Verkümmerung wartet, wenn der Weg nicht zur geistigen Welt beschritten und die sichtbare Liebe nicht als solche erkannt wird.
    Einzig die Liebe zur geistigen Welt, zu allem, was aus ihr heraus entstand, entsteht und noch entstehen wird, ist es, das von uns gefordert wird, um uns dem göttlichen Plane nach zu entwickeln um weiter voran schreiten zu können.
    Stillstand gibt es nicht, auch in Bezug auf unsere Werkwelt, die wir einem Wandlungsprozess unterlstellen, was ohne viel Mühe einzusehen ist. Im Herzen liegt die Wandlungskraft verborgen. Es ist das vermittelnde Organ und das liebedurchdrungene Denken liegt im Herzdenken. - Freiheit, Liebe und Weisheit tragen uns durch die Zeitalter hindurch, inwieweit wir darüber Bewusstheit erlangen, wird durch unser Streben nach Erkenntnis bestimmt.
    Die Liebe ist nicht umsonst eine tragende Kraft. - Glaube, Liebe und Hoffnung sind Grundpfeiler, die gegeben wurden, um uns auf dem Weg der Vergeistigung voranzutreiben. Die Hoffnung kraftet in der Liebe, während die Liebe im Erkenntnisglauben ihr Fundament findet.
    Im Lieben zum anderen Wesen hin erkenne ich mich selbst als göttlich erschaffenes Wesen und die Schönheit der uns innewohnenden Kräfte, uns durch die Ich-Bildung, Ich- Erkraftung weiter zu formen. Wir selbst sind das zu schaffende Kunstwerk, das alle Kunstwerke überstrahlen wird.
    In der Versenkung in einen anderen Menschen, sein Denken, Fühlen und Wollen zu ergründen, zu erfassen -  das ist es, was uns weiter bringt im Selbstschaffen. So ist die Eigenliebe in ihrer höchsten Erscheinungsform berechtigt und unsabdingbar. Denn als göttliches Wesen bin ich für mich achtens- und liebenswert und diese höhere Eigenliebe lässt stetig zur allumfassenden Liebe mich überwinden, die am Ende des Menschwerdungs-weges die gesamte Erde in einen Liebesplaneten gewandelt haben wird. Vorrausgesetzt, wir durchschauen den Stillstand, die drohende Vermateriali-sierung und die Verroboterisierung des Menschenwesens und durchdringen uns selbst mit den Seelenkräften, die uns zur Verfügung stehen, um die gegenwärtige Menschheitskrise zu meistern.
     Als Sinnbild für die Verbindungs- und Vereinigungsaufgabe kann der von Rudolf Steiner und Edith Maryon geschaffene Menschheitsrepräsentant sehr hilfreich sein. Die Menschheit soll wieder mit dem Himmel verbunden sein, ohne vorschnell ins Geistige zu fliehen und so die Berechtigung der materiel-len Welt zu verkennen. Im Zentrum stehend, die materielle Welt beherrschend, ohne sich in Abhängigkeitsstrukturen zu verstricken.
    Das Schwert der Geist-Erkenntnis führend, in uns selbst das auszumerzen, was nicht geläutert, unrein in uns haftet und den Nährboden bildet, in eine der beiden antagonistischen Richtungen zu verfallen. Das trinitäre Denken schu-lend, fördernd und fordernd zu verwenden, um dort zu wirken, wo es nutzbrin-gend angenommen und mitgetragen wird.
    Die Apostel zum Vorbild nehmend, die in fester Geisterkenntnis-Gemein-schaft sich gegenseitig Kraft gebend und in Liebe begegnend aus sich selbst schöpfend für den Christus- Impuls in die Welt hinausgehen, um das Wort zu verbreiten und es sichtbar zu leben.
    Nicht über die geistige Welt sprechend, sondern durch die Geist- Erkenntnis sprechend und handelnd durch die beschwerlichen Gestrüppe der Welter-scheinungen hindurch. - Der Tod ist nicht das Ende, sondern der Neubeginn. Das Absterben der niederen Begierden und Anhaftungen schafft Raum für die geistige Liebe. In freier Entscheidung, die Verantwortung der Erkenntnis tragend, durch Weisheit gelichtet im Zentrum der Welten stehend. Als Herrscher meines Selbst.

 

(1)

« .. Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug auf bestimmte Wahr-nehmung deutenden Begriffes, das ist einer Vorstellung, in das Wollen eintre-ten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch das begriffliche Denken, bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse von Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns das reine Denken.. »

Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, TB627, Seite «121

 

(2)

« .. Christus brachte dem in Egoismus versinkenden Menschen den Antrieb zu dieser Selbstüberwindung und die Kraft, dadurch das Böse zu besiegen. Und nun werden durch die Christus-Tat zusammengeführt diejenigen, die durch die Selbstsucht getrennt waren. Wahr im tiefsten Sinne werden so die Worte des Christus, der von den Taten der Liebe spricht, indem er uns sagt: «Was ihr getan habt einem der Geringsten, das habt ihr mir getan!» – Auf die irdische Welt zurückgeflutet ist jene göttliche Tat der Liebe. Sie wird nach und nach die Menschheitsentwicklung durchströmen und trotz der absterbenden physischen Kräfte sie im Geist wiederbeleben – weil sie nicht aus dem Egoismus heraus geschehen ist, nur aus dem Geist der Liebe: P. S. S. R. (Per Spiritum Sanctum Reviviscimus): «Durch den Heiligen Geist werden wir auferstehen .. »

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Empfohlene Einträge