Steiner als fachwissen-schaftliche Schimäre

October 21, 2019

Die Wochenschrift "Das Goetheanum" meldet in der letzten Nummer: "Weltweit erste fachwissenschaftliche Fachzeitschrift zu Rudolf Steiner". Herausgeber der drei Jahre von der Mormonen-Universität in Provo (Utah) vorfinanzierten "Rudolf Steiner Studies" sind der Herausgeber der Steiner-Kritische-Ausgabe SKA Christian Clement und Hartmut Traub. - Aus gegebenem Anlass hier meine Glosse zum Start der SKA im Jahr 2013.


Was alles zum Pflichtenkreis eines „wissenschaftlichen“ Erforschers der Schriften Rudolf Steiners gehört, willst Du wissen? - Na ja, da gehört schon einiges dazu. Zuerst hat ein wissenschaftskritischer Herausgeber Aufklärung über die Hintergründe für die Ideen und Äusserungen Steiners zu betreiben, die ein einfaches Mitglied der anthroposophischen Bewegung in direktem Zusammenhang mit der geistigen Welt sehen möchte, für die jedoch eine wissenschaftliche Forschung rationell naheliegendere Ursprünge geltend machen kann. Solche können in unausgewiesenen Zitaten gefunden werden, das heisst in inhaltgleichen Wiedergaben bereits von anderen Denkern gemachten Aussagen, wofür nicht unredliche Beweggründe vorzuliegen brauchen, sondern allein die Beschränktheit jeden subjektiven
Gedächtnisses (vergleiche dazu die in jüngster Zeit eingetretene Aberkennungskaskade vorwiegend durch Politiker angeeigneter Wissenschaftsdiplome) - im Paraphrasieren, das heisst in der blossen Umschreibung von Ideen, die schon ein anderer ausgesprochen oder niedergeschrieben hat - in Interpretationen, in denen sich der Autor durch Auswalzen und Hin- und Herwenden des von anderen bereits Geäusserten den Anstrich selbständiger Produktivität zu geben sucht. Zuguterletzt mag auch eine ungeschminkte Wiedergabe persönlicher Innenerfahrung vorliegen, die jedoch nach wissenschaftskritischer Bearbeitung und historischer Rückbindung kaum Anlass geben dürften, Rudolf Steiner übertriebene Verehrung entgegen zu bringen oder sich in eine von ihm für die Zukunft erhoffte einheitliche Kulturbewegung einzureihen. Das heisst Desillusionierung und Deromantisierung steht auf der Tagesordnung. Dabei hilft, dass bereits der erste Band der in jüngster Zeit mit Unterstützung vieler Anthroposophen, Verlagen und Zeitschriften unternommenen kritischen Erarbeitung von Steiners Schriften das Ergebnis zutage gefördert hat, dass „er in seiner Darstellung nicht sauber auseinandergehalten hat, wo er Gedanken anderer referiert, zitiert, paraphrasiert oder interpretiert, und wo er seine persönlichen Innenerfahrungen und Ansichten mitteilt.“ (1)
     Wie ich verstehe, geht die neue Anthroposophiewissenschaft so vor, dass sie die verschiedenen Auflagen von Steiners Schriften vergleicht, die Beweggründe für die vorgenommenen Änderungen erforscht und so auf unerwartete Entdeckungen stösst, die nur mit den modernen Methoden der Kontextualisierung zu erreichen sind. Das Bestreben Steiners, die Gelegenheiten wahrzunehmen, bei denen eines seiner Werke verbessert werden konnte, zu begrüssen, wenn man sich an das Studium der Auflage letzter Hand macht, wäre für diese Wissenschaft zu naiv. So hütet sie möglichst viele Auflagen derselben Schrift als ihren reichsten Schatz (Top ist „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ mit 9 Auflagen!) und denkt mit Schaudern an unsere zeitgenössischen digitalen Veröffentlichungsformen, bei denen tagtäglich unter der Hand geändert und gelöscht wird.
     Für ein unwissenschaftliches Gemüt wie unsereins öffnet sich hier bereits ein ganzer Sack voller Fragen, den wir nur zur Illustration unserer masslosen Desinformiertheit einen Spalt weit öffnen wollen. Nehmen wir mal hypothetisch an, eine Frau würde durch eigenes Nachdenken, das ja immer nur soviel hergeben kann, als dem momentanen geistigen Entwicklungsstand entspricht, zu denselben Einsichten kommen, wie diejenigen sind, die in den Worten Krishnas zu Arjuna in der heiligen Gita geäussert wurden. Und zwar würde sie diese Einsichten nicht etwa nur sich vorstellen können, sondern als ihre
eigenen erleben. Ich vermute, dass, wenn sie jene in der Form eigener Einsichten äusserte, ihr kein Schwein glauben würde, und am wenigsten ihrer Beteuerung, zuvor noch nie etwas von einer Bhagavad Gita gehört zu haben. Dieser Fall wäre gewiss knifflig, auf jeden Fall wünsche ich der Kontextualisierungswissenschaft, dass er nie eintritt.
     Oder wenn ich im Gegenteil an alle die Mathematiklehrbücher denke, die oft sehr ähnliche Aufgaben enthalten, die dann auch noch zu denselben Lösungen führen. Und bei denen aufgrund gleichlautender Erkenntnisse niemand copyrightverletzendes Abschreiben anprangert.
     Gut, ich weiss, ich müsste jetzt, wie die neue „Anthroposophiewissenschaft“ lehrt, die Sache aus ideogenetischer Sicht angehen, um beurteilen zu können, ob bei Steiner überhaupt neue Erkenntnisse und nicht nur umgeschmolzenes Fremdgut vorliegt. Denn „in seiner Ausweitung auf alle Gebiete des menschlichen Wissens wurde das ideogenetische Gesetz zur grundlegenden Leitidee der Anthroposophie.“  (2)  - Als ich diesen Satz las, war ich platt vor Erstaunen, dass ich zuvor nicht einmal bei Steiner etwas darüber gelesen hatte. Und wenn jetzt auch noch andere, zweckdienlich ausgebildete Wissenschaftler womöglich bestätigen könnten, dass jenes Gesetz in Tat und Wahrheit die grundlegende Leitidee der Anthroposophie darstellt, und dass unser Forscher dies nicht irgendwo abgeschrieben hat, und dass jene nicht einmal Steiner bewusst war, so muss es sich in meinen unmassgeblichen Augen dabei zweifellos um eine Entdeckungstat ersten Ranges handeln.
Nun gut, eine kleine Einschränkung gibt es da, denn unserem Anthroposophiewissenschaftler zufolge wurde jenes Gesetz von Fritz Schultze (3) entdeckt, von dem ich, wie es im Schicksal der Ungebildeten liegt, zuvor auch noch nie etwas gehört habe. Dass jedoch Herr Clement dies ausdrücklich vermerkt und sich nicht mit fremden Federn zu schmücken sucht, hat ihn mir in seiner wissenschaftlichen Redlichkeit total sympathisch gemacht. Und deshalb wird ihm niemand das Recht der Erstanwendung auf die Anthroposophie absprechen dürfen. Vom Higgschen Gottesteilchen wurde auch jahrzehnte- lang theoretisch geredet, aber konkret wurde es erst neulich im CERN nachge- wiesen. Also ich finde es wahnsinnig spannend, wenn jeder nun fähig sein könnte, die Anthroposophie selbst weiter zu entwickeln. Was früheren Generationen von Anthroposophen unmöglich schien, geht jetzt, wenn man nur das ideogenetische Grundgesetz anwendet.
     Ich weiss, dass ich jetzt erklären müsste, was dieses Gesetz besagt, aber ich scheue mich davor, weil ich hierzu wirklich nicht ausreichend ausgebildet wurde. (4) Es geht mir in diesem Punkt, merkwürdig zu erwähnen, wohl ähnlich wie Rudolf Steiner, „dessen Sache saubere Quellenarbeit, Methodenschärfe und sachliche Distanz zum Gegenstand im Sinne der damals und heute allgemein anerkannten Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht war.“  (5) - Was soll‘s, ich versuchs trotzdem mal, im Vertrauen darauf, dass auch ein blindes Huhn gelegentlich ein Körnchen findet. Also, das ideogenetische Grundgesetz soll in der Übertragung des biogenetischen Grundgesetzes von Haeckel/Darwin auf die Seelenwelt liegen und hier besonders im Hinblick auf die durch Denken gesponnenen Vorstellungen zur Anwendung gelangen. Es ist zuerst schwierig, sich darunter etwas vorzustellen. Denn das biogenetische Gesetz besagt, dass die individuelle Keim