Witzenmann's Vorträge 1979

December 28, 2019

Aus dem Vorwort von R.A.Savoldelli zur Neuerscheinung der drei Vorträge von Herbert Witzenmann über "Die Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners als Grundlage sozialästhetischer Gestaltung" in den Tagungen des "Seminars" 1979 in Arlesheim. (Blaue Reihe N°2, SeminarVerlag 2020)
 

 

.... Die Tauglichkeit zur Kooperation mit Rudolf Steiners geisteswissenschaftlichem Impuls ist mit der bewusstseinsseelisch erarbeiteten neuen Kultur des seelischen Beobachtens verbunden, wie sie Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" im Darleben verständlich macht. In der meditativ zu bestimmenden Mitte zwischen dem eigenen Denken und den sich im Studium der Schriften Rudolf Steiners offenbarenden Ideen bildet sie die Fähigkeiten aus, die zu Neubildungen auf wissenschaftlichem und künstlerischem Feld und zu Umwertungen im gesellschaftlichen und sozialen Leben führen können. Sie sind dazu bestimmt, das Initiationsprinzip als neues Zivilisationsprinzip in Kraft zu setzen. - "Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beide nicht besitzt, der habe Religion" (Goethe, Zahme Xenien IX). - Und Rudolf Steiner, das Goethesche Kulturideal fortführend: "So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung" (im Vortrag vom 30.Januar 1923 in Dornach). Die wahre Religion, welcher die gegenwärtige Menschheit bedarf, entsteht durch das sich der sinnenbezogenen Inhaltlichkeit entrigenden Denkens, das, wie Rudolf Steiner es lehrte, als geistiges Wahrnehmungsorgan für die Vorgänge der geistigen Welt veranlagt ist. - "Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen". - Im meditativ wiederholten Aufrufen von sich an jene geistigen Wahrnehmungen anschliessenden Gefühlen sowie in den Opfertaten der Selbstüberwindung findet die geistige Entwicklung des Individuums statt, die es ihm in Zukunft immer leichter machen wird, sich als vollbewussten Bürger zweier Welten erkennen und im Einklang mit dem Weltenwillen darleben zu können.  
    Heute wie zu Rudolf Steiners Zeiten wird die anthroposophische Bewegung auf die folgenden Irrwege gelockt: die eine liegt in der Kooperationen mit Bewegungen, die nicht aus dem bewussten Entschluss eines sinnvollen gemeinsamen Strebens, sondern aus isolierter Kraftlosigkeit und illusionärer Erfolgserwartung eingegangen werden. Der fehlenden Übereinstimmung in der Frage des neuartigen Hochschulwesens, wie es 1924 durch Rudolf Steiner anfänglich eingerichtet wurde, wird dabei keinerlei Gewicht beigemessen. - Wenn dadurch auf religiösem, naturwissenschaftlichem oder historisch-geisteswissenschaftlichem Gebiet Erfolge entstehen, sind diese oft auf einem anbiedernden Anerkennungswunsch geschuldet und werden mit bewusster oder unbewusster Feindschaft gegen Rudolf Steiners Lebensimpuls bezahlt, welcher auf allen Lebensfeldern dem Heraufführen eines bewusstseinsseelischen, freien Bildungsprinzips galt. - "Wenn diese Lebenspraktiker in eine geistige Bewegung eindringen, dann steht es schlimm um diese geistige Bewegung" , bemerkte Rudolf Steiner in seiner Darstellung über "Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur anthroposophischen Gesellschaft".
    Die andere Abirrung ist mit einer pseudoreligiösen Verwirrung (des Goetheschen "der habe Religion") um - für ein in dogmatischen Vorstellungen erstarrtes Karmaverständnis" - "wichtige" Individualitäten verbunden, wodurch hierzu "Ausersehene" zu kunstlosen Führungsgestalten stilisiert werden, die aufgrund der illusionären Erwartungen ihrer Anhänger diesen einen sichtbaren Beweis vermeintlich höchster Geistigkeit zu liefern haben. Ihre herausragende Bedeutung wird ohne Anspruch an denkenden Nachvollzug durch Vorstellungen legitimiert, die Witzenmann als jenem "traurigen Mut zum Kopfsturz ins Unverstandene und dem geschwellten Stolz" entsprungen bezeichnete, "der in tollpatschigem Herumplantschen das ihm selbst Rätselhafte,